Visuelle Tanz-Poesie

Sie polarisiert, die neue abstrakte Choreografie des Saarbrücker Ballettchefs Stijn Celis. Bachs legendären „Goldberg-Variationen“ begegnet er selbst- und risikobewusst mit einer eigenen kantig-schnittigen Formensprache. Am Samstag war Premiere in der Alten Feuerwache: Es gab viel Beifall, keinen Jubel und ein vereinzeltes, beherztes Buh.

Grau statt Glitter, der Lack ist ab. Das Saarländische Staatstheater wirbt mit einem Goldgirl für die Bach-Uraufführung - umso frappierender ist der schmucklose, nahezu farblose Kosmos, den Stijn Celis und sein Bühnenbildner Jann Messerli für den "Goldberg"-Abend entwickelt haben. Auf dem Programm: ein gewaltiges Tastenwerk, von Bach als vertrackte "Klavierübung" für einen Cembalospieler, seinen Schüler Johann Gottlieb Goldberg (1727-1756), geschrieben.

Eine Ikone der Musikgeschichte, weil Bach mit seinen "Goldberg-Variationen" eine alchimistische Mixtur aus Schematik und Verspieltheit gelang, wir hören sein Klangexperiment in Martin Stadtfelds als kühn geltender Interpretation aus dem Jahr 2007. Und auch Celis, der bisher in Saarbrücken eher bravere Wege einschlug, führt sich diesmal nahezu tollkühn auf.

Starre Linien überziehen die Wände, die an Notenblätter erinnern. Wenn denn hier überhaupt irgendetwas Assoziationen oder Echos auslösen soll. Denn Celis erspart uns jede Sinnrätselei, weil dieser formstrenge Abend nur eines liefert: Material und Momente, visuelle Poesie. Selbst die Videos von Philipp Contag-Lada werfen nur amorphe helle oder dunkle Flecken auf die Flächen, und die 16 Tänzer hat Catherine Voeffray in gnadenlos enge Turntrikots gesteckt - dezent-gedämpfte Farben auch hier.

Wahrlich, hier wird keine Schaulust bedient. Oder doch, nur irritierend anders. Zweimal erklingt die Aria, dann 30 Variationen - gefühlte 300, zerlegt in tausende Einzelbewegungen. Welch ein Einfallsreichtum, und zugleich welch' eine Reduktion auf das Leitmotiv des Übens und Wiederholens. "Goldberg", das ist ein Reinigungsbad - von Stimmung und Emotion. Es gibt sie natürlich, die Einsprengsel von Anmut, die innigen Momente, aber das harte Baukasten-Prinzip dominiert - nur kein Einschmiegen in die Bach-Töne.

75 Minuten lang herrscht, selbst bei Bachs quirligen Passagen, ein provokant geruhsames Grund-Tempo. Buchstaben gleich besetzen die 16 Tänzer die Notenblatt-Bühne, jeder sein eigenes, ein immer wieder anderes Zeichen. Als Vereinzelte absolvieren sie Etüden, nur selten finden sie in seriellen Formationen zusammen. Den Blick weltenfern-starr in ein Nirgendwo gerichtet, modulieren sie ihre Körperkonturen permanent neu, formen sie zu kantigen Skulpturen, frieren abrupt in exakten Yogafiguren oder ungelenk-staksigen Posen ein, ziehen überraschende Bewegungsregister, die ihre Entstehung aus der Improvisation ausstellen.

Versteckt sind kleine choreografische Köstlichkeiten: kleinmädchenhaft gekreuzte Knie oder Hampelmann-Sprünge, als hinge ein Tänzer an einem unsichtbaren Faden. Einerseits verdrehen und verknoten sich die Körper, stehen also für Biegsamkeit, andererseits ist das Muster, das sie formen, geometrisch. Sogar bei den Pas de deux fügen sich Mann und Frau ineinander wie Holzkästen. Kein Verschmelzen, kein Schweben - Celis legt sich quer zu all dem, was man üblicherweise mit der fließenden Energetik und Eleganz des Mediums Tanz verbindet. Natürlich unterlaufen ihm auch, wenn auch wenige, schwächliche Szenen. Dann, wenn er auf konventionelles Tanz-Vokabular zurückgreift: lemurenhaftes Krabbeln, archaisches Auf-die-Brust-Trommeln. Auch sind nicht alle in der Compagnie bereits auf dem Präzisions-Level, das diese schnittige Choreografie fordert. Mitunter fehlen Charisma und Perfektion. Liliana Barros führt in ihren grotesk verzerrten Soli vor, in welche nächsthöhere Qualitätsstufe dieser imponierende Abend noch hätte abheben können. Jawohl, er wirkt steril, überfordert unsere Geduld.

Nicht jeder wird sich mit seiner Unterkühltheit anfreunden. Aber "Goldberg" will uns nun mal nicht erschüttern, mitreißen, aufwühlen. Celis bemüht sich erst gar nicht, die Transparenz und Transzendenz der Bach-Komposition oder deren hypnotische Wirkung tänzerisch zu imitieren. Er setzt nichts weiter als seine eigene, eigenwillige Lesart in Szene, liefert ein Stück tänzerische Minimal Art. Sie erinnert an nichts, sie ruht in sich, ist pur und rein.

Alle Termine: 15., 18., 20., 22. und 26. Dezember sowie am 12. und 25. Januar. Karten unter: (06 81) 30 92 486.