Über den Bach getanzt

Bachs Goldberg-Variationen waren das erste Vinyl-Album, das sich Stijn Celis gekauft hat. Nun stellt der Ballettchef des Saarländischen Staatstheaters das Werk ins Zentrum seiner jüngsten Choreografie. Premiere ist am Samstag in der Alten Feuerwache.

Das Plakat zu Stijn Celis‘ neuem Ballettabend ist ein Knaller: Wie ehedem Shirley Eaton im Bond-Film "Goldfinger" schaut uns da eine Tänzerin (Yaiza Davilla-Goméz) als goldlackierte Nackte herausfordernd in die Augen. Wird uns der sanfte Celis Bachs Goldberg-Variationen etwa im 007-Stil bescheren? Aber nein - so dick, so plakativ will er auf der Bühne nicht auftragen. Die Kostüme seien eher schlicht, sagt der Ballettchef des Staatstheaters. Die Herausforderungen liegen ganz woanders: Wie findet man einen choreografischen Zugriff auf ein musikalisches Meisterwerk, das so perfekt gebaut ist, so stark ist, dass es sich selbst genügt, um golden zu glänzen? Auf ein Meisterwerk, das einem total vertraut ist, weil es einen bereits sein Leben lang begleitet? Denn die Goldberg-Variationen waren auf der ersten Vinyl-Platte, die sich Celis in seiner Jugend kaufte und die er seitdem immer wieder hörte.

"Diese Musik neu zu entdecken, neu zu analysieren und nicht das, was ich mit ihr schon erlebt habe umzusetzen, das war mir ganz wichtig", betont er. Dieses Bach-Werk sei ja eine Klavier-Übung. Interessant habe er die Idee gefunden, dieses Prinzip des Übens, des Variierens auch beim Choreografieren zu übernehmen. Dabei ist Celis aber nicht linear, entlang der Komposition vorgegangen. Vielmehr hat er erst Bewegungs-Material gesammelt, indem er seiner Kompanie kleine Zettel mit Wörtern oder auch Sätzen gab, mit der Aufforderung, nicht die Bedeutung, vielmehr die Kalligrafie in eigenen Tanzbewegungen nachzuempfinden.

Für Celis ist das eine bewährte Methode, um Tänzer schöpferisch anzuregen. Dieses Schrittmaterial hat er dann aufgegriffen, nach bestimmten eigenen Parametern modifiziert, weiterentwickelt und damit an verschiedenen Stellen der Bachkomposition "Ankerpunkte" gesetzt. Nichts langweilt Celis mehr als Choreografien, die "Bach-Mimetik" betreiben, also zu sehr an der Musik kleben und ihre Ästhetik übernehmen. Sein "Goldberg" solle eine Architektur zeigen, die der Choreografie inhärent sei und sich nicht der Musik unterordne. Was für Celis bedeutet: "Man kann das Stück auch ohne Musik anschauen."

Nicht zufällig hat er sich wohl auch für die Einspielung des Pianisten Martin Stadtfeld entschieden, die als unkonventionell gilt. Es gehe darum, erklärt Celis zum Charakter der Bewegungen, eine gewisse Leichtigkeit, Verspieltheit zu erhalten und zugleich das Unerwartete zu provozieren. Erste Probeneinblicke zeigen eine Bewegungssprache, die der Flüssigkeit Bachs mitunter gekrümmte Körper, versteifte Glieder, Zuckungen und Erdenschwere entgegensetzt. "Ein bisschen anarchisches Tanzen, Wildheit möchte ich auch in der Interpretation sehen", sagt Celis. Und doch spielte der Begriff "elevation" gedanklich eine wichtige Rolle. Bühnenbildner Jann Messerli etwa griff dieses Stichwort auf, indem er gestufte Wände schuf, die dann bei Celis Assoziationen an Notenlinien weckten. Philipp Contag-Lada wiederum erhielt den Auftrag, die ganze Bühnenszenerie von oben herab mit Videoprojektionen zu überziehen.

Werden wir Stijn Celis also bei seinem Lieblingskomponisten Bach endlich von der lang angekündigten experimentellen Seite kennen lernen? Bei der "Goldberg"-Premiere am Samstag, ab 19.30 Uhr in der Alten Feuerwache wird man es sehen.

Die Premiere und die ersten Vorstellungen sind ausverkauft; es gibt noch Karten für den zweiten Weihnachtstag, außerdem für den 12. und 25. Januar. Karten: Tel. (06 81) 309 24 86.