Sophie Calles "Adressbuch" von 1983 jetzt auch Deutsch erschienen.

Buchkritik : Eine künstlerisch überhöhte Form von Stalking

Sophie Calle fand 1983 ein Adressbuch und schlachtete es für ein als Kolumne getarntes Kunstprojekt über den fremden Besitzer aus. Nun erscheint der Text auf Deutsch.

Undenkbar, dass sich in unseren heutigen, datenschutzrechtlich sensibilisierten Zeiten eine Zeitung  noch erlauben würde, was die linke französische Tageszeitung „Libération“  1983 offenbar ohne jedwede Skrupel unternahm. Als 28-teilige Kolumne druckte sie –  um das Kunstprojekt nicht zu torpedieren wohlweislich darauf verzichtend,  eine Einwilligung des darin Porträtierten einzuholen – eine heikle Privatrecherche der Konzeptkünstlerin Sophie Calle. In einem Pariser Bistro hatte Calle das Adressbuch eines gewissen Pierre D. gefunden und es seinem Besitzer kommentarlos zurückgeschickt. Nicht ohne ihr Fundstück allerdings zuvor komplett kopiert zu haben  und Pierre D. dann zur Hauptfigur ihrer mit „Libération“ vereinbarten Sommerkolumne  zu machen.

Dazu rief sie die in dem Adressbuch verzeichneten Personen an und bat sie um ein Treffen.  Viele erklärten sich bereit, Calle Rede und Antwort zu stehen und ihre Sicht auf Pierre D. mitzuteilen.  Jeder dieser Begegnungen widmete Calle  dann eine ihrer 28 Kolumnen. Dass ihre biographische Recherche im August 1983 tatsächlich bis zum Ende erscheinen konnte, war alleine dem Umstand geschuldet, dass Pierre D. – das Opfer ihres Kunstprojekts – sich zu dieser Zeit in Lappland aufhielt. Und dort – anders als heute, wo wir im Grunde immer online sind – auch für Freunde nicht erreichbar war. Als er nach seiner Rückkehr davon erfuhr, erwirkte er eine ganzseitige Gegendarstellung in „Libération“   und verbot jede weitere Veröffentlichung von Calles voyeuristischen Texten zu seinen Lebzeiten.  Am Ende also gab es doch noch den handfesten  Skandal, der Calles künstlerisch überhöhter Form von Stalking von Anbeginn eingeschrieben war.

14 Jahre nach Pierre D’s Tod ist Calles intime Annäherung an den ihr Unbekannten nun, zusammen mit ihren  damals mit publizierten  Fotos,  in deutscher Übersetzung erschienen.  Wäre Pierre D. ein gewöhnlicher, völlig unscheinbar lebender Mensch  gewesen, hätten die Beschreibungen seiner Freunde und Bekannten vermutlich nicht viel hergegeben. Calle aber war zufällig auf einen clownesken Intellektuellen und Bohemien gestoßen, der äußerlich einem Film der Marx Brothers entsprungen schien, sich als Filmkritiker durchschlug und dazu auch noch Drehbücher verfasste.  Ein ergiebiges Opfer also für eine  Charakterstudie aus puzzleartigen Erzählstücken Dritter. Lässt man die   infame Übergriffigkeit von Calles künstlerischem Setting einmal außer Acht,  dann offenbaren sich die erkenntnistheoretischen Qualitäten des Projekts. Beginnt man sich doch mit Calle die Frage zu stellen, ob man sich einen  gänzlich Unbekannten zum Freund (oder gar zum Geliebten) wünschen könnte. Ganz so, wie einem dies bisweilen mit Romanfiguren passieren kann.

Der Reiz von Calles Buch besteht nicht zuletzt darin, dass es nachzeichnet, wie die Künstlerin und das Opfer ihres Voyeurismus zu einer gemeinsamen Geschichte finden, ohne sich je begegnet zu sein.  Pierres Bekannte zeichnen das Bild  eines originellen, einerseits verschrobenen,  andererseits äußerst kommunikativen  Einzelgängers, der seine außergewöhnlichen Talente nicht gut verkaufen konnte. Die einen erinnert er an ein Kind, „das man am Flughafen vergessen hat“, die anderen schildern ihn als „höflich, sehr affektiert, unterwürfig. Und witzig, sehr witzig“ oder als „Wolke in Hosen“.  Je mehr sich die Steckbriefe seiner  Freunde zu  einem Persönlichkeitsbild fügen, desto stärker scheint Calle dem Charme ihres Phantoms zu erliegen.   In ihrem 36 Jahre nach ihrem Adressbuchfund  für die deutsche Ausgabe verfassten Nachwort schreibt  Sophie Calle: „Schon nach den ersten Beschreibungen seiner Freunde empfand ich Zuneigung für diesen Mann.( … ) Ich malte mir ein erstes Treffen nach meinen Vorstellungen aus, vielleicht eine Liebesgeschichte.“

Dazu kam es nicht. Pierre wollte diese Frau, die sein Leben ausgeschlachtet hatte, verständlicherweise nicht kennenlernen. Als Sophie Calles gezielte  Verletzung einer Privatsphäre 1983 erschien, machte man sich noch keine Vorstellung davon, inwieweit heute unser aller Privatsphäre nach Belieben durchleuchtet wird. Für Google und Facebook  sind wir alle lauter Pierre D‘s.  Der wesentliche Unterschied zwischen ihm und uns allerdings ist, dass Pierre D. damals ahnungslos war und ihn keinerlei Mitschuld am Missbrauch seiner Daten traf.

Sophie Calle: Das Adressbuch.  Aus dem Französischen von Sabine Erbrich. Bibliothek Suhrkamp, 112 Seiten, 22 €