BBC-Verfilmung von „An Inspector Calls“ auf DVD

BBC-Verfilmung von „An Inspector Calls“ neu auf DVD : Die Mörder sind unter uns – im Esszimmer

Eine junge Frau ist tot, ein Inspektor ermittelt im edlen Landsitz. Das klingt nach Agatha Christie – die BBC-Verfilmung des Bühnenstücks „An Inspector calls“ ist aber etwas ganz Anderes.

Ach, das Leben könnte so schön sein. Im britischen Landsitz an einem Frühlingsabend im Jahr 1912 trägt das Personal lautlos das edle Geschirr auf, und am Tisch reichen sich zwei Verliebte die Hände (und Ringfinger) zur Verlobung.  Die junge Sheila ist die Tochter des Industriellen Arthur Birling, der junge Gerald Croft ist der Juniorchef eines ebenso florierenden Konkurrenz-Unternehmens: Hier fusionieren also nicht nur zwei Menschen, sondern auch zwei Firmen, was den Firmen-Senior und Hausherren schon zum Träumen von klassischen Synergie-Effekten animiert: „Weniger Kosten für uns – und höhere Preise für die Kunden.“

Diese abendliche Euphorie wird von einem dunkel gewandeten Inspektor gestört, der plötzlich im Esszimmer steht: Eine ehemalige Arbeiterin der Birling-Fabrik habe sich gerade das Leben genommen, teilt er mit, und beginnt mit seiner Befragung, die zunehmend bohrend wird. Das klingt nach einem klassischen Agatha-Christie-Stoff, so als stünde Hercule Poirot im Salon und parliere etwas weniger blumig als gewohnt. Die BBC-Produktion „An Inspector Calls“, die jetzt bei uns auf DVD erscheint, geht nach diesem Beginn aber in eine gänzlich andere Richtung. Der Fernsehfilm ist eine Adaption des britischen Bühnenklassikers „Ein Inspektor kommt“ von John Boynton Priestley (1894-1984), das 1946 in London Premiere hatte.

Im Stück wie im Film fühlt sich die fünfköpfige Tischgesellschaft gestört, nicht zuletzt von dem selbstsicheren bis arroganten Auftreten des Polizisten, der sich von so viel Geld und Macht nicht einschüchtern lässt. Der Familienpatriarch tut ersteinmal so, als habe er den Namen der Arbeiterin – Eva Smith – noch nie gehört. Doch der Inspektor fragt nach, provoziert und blättert im Laufe dieses Abends die bittere Geschichte eines Menschen auf, an dem sich alle im Raum schuldig gemacht haben – jede Person auf ihre Weise, mal durch Unachtsamkeit, mal wissentlich. Die junge Frau hatte einst einen Streik angezettelt, wurde daraufhin vom Firmenpatriarchen entlassen und stürzte dann Sprosse für Sprosse die soziale Leiter hinunter.

Abgehängt: Eva Smith (Sophie Rundle) nimmt sich das Leben. Foto: Pandastorm/Laurence Cendrowicz

Dass jede Person im Raum (den Polizisten ausgenommen) eine Mitschuld trägt, die nach und nach aufgedeckt wird, hätte dramaturgisch etwas schematisch wirken können. Aber anders als im Stück, das ausschließlich im Esszimer spielt und von der Figur Eva Smith nur sprechen lässt ohne sie zeigen, kann der Film mit Rückblenden von ihr erzählen: wie sie etwa von der lokalen Wohlfahrt (mit großer Geste geleitet von der Frau des Firmenpatriarchen) ignoriert wird oder nach einer Affäre mit dem Verlobten der Firmentochter von dem verlassen wird. Um Klassenbewusstsein geht es, um mangelnde Empathie und um einen brutalen Kapitalismus, der die „Abgehängten“ als selbst schuld an ihrer Misere ansieht.

Inszeniert und gespielt ist das exzellent von einem famosen Ensemble, angeführt vom britischen Schauspieler David Thewlis. Er gibt diesem Inspektor eine enorme Autorität (auch stimmlich) und einen heiligen Ernst – vor allem  in seinem Monolog  am Ende über Mitleidlosigkeit und menschliche Kälte, die die Welt ins Verderben stürzen wird; das Stück spielt zwei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Da wirkt er eher wie eine höhere moralische Instanz denn wie ein Ermittler. Dass er auch keiner ist, so viel kann man verraten, gibt dem Finale etwas ebenso Unheimliches wie Tragisches.

DVD bei bei Pandastorm.