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,,Brüderlichkeit“ am Weltfrauentag
Gleichberechtigung gehört auch in die Nationalhymne

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Deutschland diskutiert über seine Hymne. Soll es ,,brüderlich“ oder „couragiert“ heißen. Ein Streit gerade rechtzeitig zum Weltfrauentag. Von Ilka Desgranges

Als Frauen 1911 den ersten internationalen Frauentag feierten, war es üblich, Unverheiratete mit „Fräulein“ anzureden. Heute undenkbar. Dabei hielt sich das „Fräulein“ bis in die 1980er Jahre. Der Wechsel vom Fräulein zur Frau war ein guter Schritt, denn Sprache beeinflusst die Wahrnehmung. Man kann auch sagen: Sprache ist verräterisch.


Erinnern wir uns weiter, denn Erinnern gehört zu Gedenktagen dazu. In den 1970er Jahren, den starken Zeiten der Frauenbewegung, galt vielen Männern die Bezeichnung „Emanze“ als Schimpfwort. Das lag wohl auch daran, dass sie sich von Frauen, die Gleichberechtigung einforderten, bedroht fühlen. Damals kam ein System ins Wanken, in dem die Unverheirateten „Fräuleins“ waren und die Verheirateten zumeist Hausfrauen.

Im Jahr 2018 sind wir weiter, nicht nur, weil wir in diesem Jahr 100 Jahre Frauenwahlrecht feiern können. Wir müssen nicht mehr darüber diskutieren, dass es männliche und weibliche Berufsbezeichnungen geben muss. Auch das war ja mal ein Thema. Und wir haben uns daran gewöhnt, aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit und auch der Einfachheit halber Studierende zu sagen, wenn wir Studenten und Studentinnen meinen.

Wir sind weit, aber wir sind noch lange nicht am Ziel, das Gleichberechtigung heißt. Die Saarländerin Marlies Krämer verfolgt dieses Ziel beharrlich. Derzeit wartet sie auf das Urteil des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe. Sie will erreichen, dass ihre Bank sie Kundin nennt und nicht Kunde. Das müsste eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein und kein Fall für ein Gericht. Selbstverständlich müsste auch sein, dass man die 80-Jährige ernst nimmt. Aber gerade in diesem Fall zeigt sich, wie schnell Frauen belächelt werden, wenn sie ihr Recht verlangen – auch von anderen Frauen. Gerade von anderen Frauen.

Jetzt müssen Frauen nicht zwingend zu allem Ja sagen, was andere Frauen fordern. Das Nein der Kanzlerin und das Nein der CDU-Generalsekretärin zum Vorschlag, den Text der Nationalhymne zu verändern, damit er geschlechtergerecht ist, ist selbstverständlich zu akzeptieren. Allerdings sagen da zwei Frauen Nein, die man zu den emanzipierten zählen darf. Frauen mit Macht.  



Frauen verweisen in der Diskussion um den Nationalhymnentext darauf, dass es wichtigere Probleme gebe: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, gleicher Lohn für gleiche Arbeit etwa. Das stimmt. Denn noch immer arbeiten Frauen für geringere Löhne, gehen in Teilzeit, um Kinder zu erziehen oder Angehörige zu pflegen, noch immer sind sehr viele im Alter arm.

Man kann nun fragen: Was hat das mit dem Text der Nationalhymne zu tun?  Zunächst einmal gar nichts. Und dennoch lohnt sich die Beschäftigung mit dem Text. Er stammt aus einer anderen Zeit, ein Argument, ihn zu belassen. Frauen kommen in der dritten Strophe nicht vor, ein Argument, sie zu ändern. Österreich hat 2012 in seinem Nationalhymnentext aus der „Heimat großer Söhne“, die „Heimat großer Töchter und Söhne“ gemacht.  Das ist Gleichberechtigung.