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In der Drogen-Puppenstube

Saarbrücken. Sie ist musikalisch genial, die Saarbrücker Version des Kultmusicals „The Black Rider. The Casting Of The Magic Bullets“ (1990) – doch szenisch fragwürdig. Trotzdem feierte das Publikum am Samstag im Saarbrücker Staatstheater das Ensemble und die Band für eine große Leistung. Cathrin Elss-Seringhaus

Es ist, als würde man auf einer Fischgräte ein Wiegenlied intonieren. Oder als hörte man einen Engel im Fegefeuer singen: inbrünstig, pathetisch, durchgeknallt. Ein verzücktes, bekifftes Vögelchen, das ist Christiane Motter als Käthchen an diesem Premierenabend. Wie sie "I shoot the moon" interpretiert, so hat man das noch nie gehört. Es ist ein ganz großer, ein überwältigender Moment in einer "Black Rider"-Produktion, die musikalisch keine Wünsche offen lässt. Clemens Rynkowski hat die verschrobene, trunken jaulende Geisterbahn-Musik von Tom Waits neu arrangiert, die Gospel, Country, Rock und Varieté-Tingeltangel zusammenklaubt. Rynkowski setzt unkonventionelle, alte Tasteninstrumente ein, etwa das Elektro-Instrument Theremin. Das klingt dann wie aus der Zeit gefallen.

So sind denn die sieben Bandmusiker die Stars dieses Abends, die Helden jedoch sind die Darsteller: Schauspieler ohne künstlich lackierte Musical-Stimmen, die in zünftigen Krachledernen und Dirndl-Kleidchen (Kostüme: Janine Werthmann) stecken und gegen ein starres Puppenstuben-Arrangement ankämpfen (Christian Higer, Gertrud Kohl) oder gegen einen bizarren Rollenzuschnitt. Etwa Heiner Take, der als Förster-Vorfahr Kuno über die Szene hektikt: Rübezahl. Waldschrat, Giftzwerg - sowas geht nicht gut. Auch Pit Jan Lößer stößt als Jäger Robert nur bis zum karikierenden Umriss einer mit Testosteron aufgepumpten Mörder-Type vor. Doch mit der Band schießt das Ensemble Waits‘ kantige Kompositionen ins Schwummrig-Psychedelische. Genau dorthin, wo Regisseur Daniel Pfluger seinen "Black Rider" haben will.

Auf der Bühnenrückwand von Flurin Borg Madsens wabern Farb-Wirbel. Ein aufgeklapptes Haus kreist auf der Drehbühne und spuckt Figuren aus, die in stummen Szenen einfrieren - "Alice" im Wunderland lässt grüßen. Gleichzeitig erinnern ein Krankenbett und die weiße Zwangsjacken-Verkleidung daran, dass die Handlung auch als Irrenhaus-Phantasie des drogenabhängigen Wilhelm gedeutet werden kann. Der Amtsschreiber, der die Förstertochter nur heiraten darf, wenn er schießen, also töten lernt, knallt am Ende im Drogenrausch seine Braut ab. Denn der Stelzfuß (Roman Konieczny) hat ihm "magic bullets" - Erfolgskugeln - geschenkt, die Wilhelm nicht beherrscht.

Diese Beatnik-Spukgeschichte von William Burroughs formte der Bildermagier Robert Wilson 1990 am Hamburger Thalia Theater zu einer gewaltigen, expressionistischen Phantasie, es wurde ein Triumph. Danach bewies "The Black Rider. The Casting Of The Magic Bullets" Stadttheater-Qualitäten. Auch am SST wurde das Stück 1996 zu einem grellen Vergnügen. Diesmal wollte das Team woanders hin. Doch das szenische Konzept landet nicht auf dem Niveau der musikalischen Bearbeitung. Als Rettungsanker fungieren drei imponierende Sing-Darsteller. Georg Mitterstieler, obwohl am Premierenabend indisponiert, arbeitet hinter dem Schulbubi-Stereotyp die Tragödie eines mit der traditionellen Männerrolle Überforderten heraus, Christiane Motter entwickelt als seine Braut statt der üblichen Frivolität eine beängstigende Morbidität. Und ein überragender Roman Konieczny im schwarz glänzenden Ganzkörper-Anzug kühlt den Teufel kunstvoll bis zur kristallinen Gefühlsleere herunter. Die weit aufgerissenen Augen dieses roboterhaften, spitzknochigen Spiderman, der mit einem Riesen-Schlüssel das Bühnenleben wie in einer Spieldose in Gang setzt, scheinen im Jenseits fest geschraubt.

Doch höllische Energie entwickelt diese Figur, entwickelt das gesamte Ensemble erst beim Schluss-Potpourri. Und der Regisseur? Pfluger nimmt die fragmentarische Form der Vorlage, die nur ein assoziatives Mosaik aus Situationen, Dialogen, Songs liefert, als Einladung für eine archäologische Grabung in Rezeptionsschichten. Wobei die Verankerung des Stoffes in der romantischen "Freischütz"-Oper Carl Maria von Webers (1821), die wiederum auf eine Schauergeschichte Johann August Apels von 1814 zurückgeht, die geringste Rolle spielt. Der deutsche Wald ist nur ein grün erleuchtetes Wort in historischer Schrift. Statt kreatürlich-unergründlich geht es drollig und unfreiwillig komisch zu, wenn Laken behängte Sagentiere wie bei einer Kinder-Gespensterparty auftauchen. Eine Persiflage? Jedenfalls stopft Pfluger von Wilhelm Busch bis Zombie-Film, von Alm-Ötzi-Saga bis Hexensabbat, von Robert-Wilson-Zitaten bis zum Ku-Klux-Klan eindeutig zu viel in seinen zersplitternden Bild-Kosmos. Inszeniere wild und gefährlich? Höllenfeuer brennt anders.

Nächste Termine: 6., 8., 12. und 15. April; Karten unter

Tel. (06 81) 309 24 86.