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Ein neuer Kompass für den Wohlstand

Berlin. Wenn zwei Autos zusammenstoßen, löst das Wachstum aus. Denn es müssen zwei neue gebaut werden. Dass das Bruttoinlandsprodukt, die Maßzahl für alle erwirtschafteten Waren und Dienstleistungen, nicht so recht taugt, um den Wohlstand zu messen, ist seit Langem klar. Das Wohlbefinden der Menschen erfasst es eh nicht Von SZ-Korrespondent Werner Kolhoff

Berlin. Wenn zwei Autos zusammenstoßen, löst das Wachstum aus. Denn es müssen zwei neue gebaut werden. Dass das Bruttoinlandsprodukt, die Maßzahl für alle erwirtschafteten Waren und Dienstleistungen, nicht so recht taugt, um den Wohlstand zu messen, ist seit Langem klar. Das Wohlbefinden der Menschen erfasst es eh nicht. Nach zwei Jahren hat eine Kommission des Bundestags jetzt einen Vorschlag ausgearbeitet. Nicht weniger als zehn "Leitindikatoren" sollen künftig Auskunft über die Lage der Deutschen geben. Zehn weitere als "Warnlampen" bezeichnete Statistiken sollen auf versteckte Risiken aufmerksam machen.Am Montag soll das Werk, an dem zwei Jahre gearbeitet, wurde, in der Bundestags-Enquetekommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" beschlossen werden. Voraussichtlich mit großer Mehrheit. Das Gremium besteht zur Hälfte aus Abgeordneten, zur anderen Hälfte aus Sachverständigen. Wie aus dem Entwurf hervorgeht, der unserer Zeitung vorliegt, soll der Wohlstand anhand von drei "Säulen" gemessen werden. Neben dem materiellen Wohlstand, zu dem außer dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf künftig auch die Einkommensverteilung und die Staatsschulden gehören sollen, sind das die Bereiche Soziales und Umwelt. Sie werden ebenfalls unterteilt, die Umwelt zum Beispiel in Treibhausgasemissionen, Stickstoffeintrag und Artenvielfalt, das Soziale in Beschäftigungsquote, Bildung, Gesundheit und Teilhabe.



"Warnlampen"

Die Bundesregierung soll die neuen Wohlstandszahlen nach dem Willen der Kommission jährlich veröffentlichen. Damit Politiker und Medien ständig vor Augen haben, wo das Land gerade steht, sollen die Zahlen in einer Kunstinstallation im Bundestag sichtbar gemacht werden - ähnlich der bekannten Schuldenuhr. Ferner ist an Veröffentlichungen im Internet gedacht. Gesucht wird noch nach einem Begriff für das Ganze. Die Grünen schlagen "Wohlstandskompass" vor.

Die als "Warnlampen" bezeichneten Daten sollen auf Risiken hinweisen. Denn es kann ja sein, dass zwar die Wirtschaft ordentlich wächst, aber zum Beispiel die Privathaushalte sich zunehmend verschulden oder weniger in die Zukunft investiert wird. Auch eine sich verschlechternde Qualität der Arbeit, eine wachsende Kluft in der Vermögensverteilung oder zurückgehende Weiterbildung werden als Warn-Indikatoren aufgeführt. Die Vorsitzende des Gremiums, die CDU-Abgeordnete Stefanie Vogelsang, sagte auf Anfrage, diese "Warnlampen" sollten in den jährlichen Berichten nur dann ausgewiesen werden, wenn sich große Veränderungen ergeben hätten. Vogelsang verglich das gesamte System mit einem Autocockpit. "Dort hat man ja auch nicht nur die Tempoanzeige, sondern den Benzinverbrauch, Uhr und Drehzahl. Und die Warnlampen gehen an, wenn etwas kaputt ist."