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Bis sich die Windräder drehen

Thomas Brill (l.) und Thomas Nägler haben schon viele Windkraft-Projekte im Saarland umgesetzt. Foto: Rolf Ruppenthal
Thomas Brill (l.) und Thomas Nägler haben schon viele Windkraft-Projekte im Saarland umgesetzt. Foto: Rolf Ruppenthal FOTO: Rolf Ruppenthal
Merzig. Von der Idee für einen Windpark bis zu dessen Anschluss ans Stromnetz ist es ein weiter Weg. Wie man ihn bewältigt, erläutern Thomas Brill und Thomas Nägler von Ökostrom Saar. Lothar Warscheid

Wer heute den Bau eines Windrades oder gar eines Windparks beantragen will, "muss Gutachten und Unterlagen einreichen, die gut und gerne 30 Aktenordner füllen". Das sagt Thomas Nägler. Der Diplomingenieur ist einer der Urväter der Energiewende an der Saar und war in vorderster Front mit dabei, als in Freisen Anfang der 90er Jahre die ersten Windräder auf saarländischem Boden errichtet wurden. Doch im Unterschied zu heute "genügte damals ein einziger Ordner, um grünes Licht zu bekommen".



Seit dem Jahr 2000 ist er Geschäftsführer und Gesellschafter der Firma Ökostrom Saar, die von der ersten Idee bis zum Betrieb alles im Angebot hat, was benötigt wird, um einen Windpark zu genehmigen, zu bauen und zu betreiben. Weitere Gesellschafter sind Thomas Brill und Heiko Hildebrandt. Seitdem haben sie mit ihrem Unternehmen daran mitgewirkt, dass 39 Windräder an der Saar mit einer Leistung von 98 Megawatt (MW) aufgestellt, zum Laufen gebracht und an das Stromnetz angeschlossen wurden. Noch heute sind sie für die technische Betriebsführung dieser Anlagen verantwortlich. Alle Projekte haben sie zusammen mit Partnern wie zum Beispiel dem Versorgungsunternehmen VSE oder den Stadtwerken Merzig verwirklicht.

Schon die Suche nach einem geeigneten Standort ist eine knifflige Sache. Wichtige Punkte sind hierbei unter anderem der Abstand zum nächsten Siedlungsgebiet, der nach Auffassung von Brill "mindestens 1000 Meter betragen muss". Im Saarland, wo es keine exakten Vorschriften gibt, liegen diese Abstände je nach Gemeinde zwischen 1000 und 650 Metern.

Auch bei Flächen im Wald differenziert Ökostrom Saar. "Wenn es sich um eine reine Nadelwald-Monokultur handelt, kann man dort Windräder vertreten", sagt Nägler. "Standorte in einem Mischwald mit Buchen- und Eichenbeständen sollten hingegen tabu sein."

Außerdem muss die sogenannte Windhöffigkeit erkundet werden. Darunter versteht man die Eignung einer Fläche für die Nutzung der Windenergie, so dass mit einer stabilen Strom-Ernte gerechnet werden kann. Auf exponierten Höhenrücken weht der Wind in unserer Region mit mehr als sieben Meter pro Sekunde, normal liegen diese Werte zwischen sechs und sieben Meter. "Obwohl es hier viele Erfahrungswerte gibt und sehr aussagekräftige Windatlanten existieren, muss die Höffigkeit dennoch über ein Gutachten bestätigt werden", sagt Nägler. Wichtig sei zudem, dass der Anschluss an das Stromnetz zu vertretbaren Kosten sichergestellt ist und das Netz auch für diese zusätzlichen Strommengen ausgelegt ist.



Wenn diese Punkte weitgehend geklärt sind, schauen sich die Projektentwickler von Ökostrom die Kataster-Auszüge an und finden heraus, wer die Eigentümer der infrage kommenden Flächen sind. "Wir müssen nachweisen, dass diese auch ihre Grundstücke zur Verfügung stellen und sie darüber informiert wurden, welchen Nutzen sie haben können, aber auch, mit welchen Einschränkungen sie rechnen müssen", erläutert Brill. So müssten die Verpächter einkalkulieren, dass der Boden im Radius von bis zu 200 Meter um den Mast nur noch mit Auflagen bewirtschaftet werden kann. Sollte es sich um mehrere Eigentümer handeln, "muss die Pacht so aufgeteilt werden, dass niemand sich benachteiligt fühlt", ergänzt Nägler.

Irgendwann müssen sich die Projektierer auch darüber im Klaren sein, welche Windenergie-Anlagen bestellt werden, wie hoch sie werden, welche Leistung sie bringen sollen und wie viele es sind. "Von diesen Faktoren hängt auch ab, wie viel Hektar wir benötigen", sagen die Ökostrom-Leute. Zudem müssen Prognosen zum Lärm der Anlagen und zum Schattenwurf der Rotorblätter abgegeben werden. Wichtig sei in diesem Zusammenhang auch die Zustimmung der jeweiligen Kommune. "Ohne diese läuft nicht viel." Die Projektierer müssen sich ferner etliche Unbedenklichkeitserklärungen einholen - unter anderem von Freileitungsbetreibern oder der Bundesnetzagentur, die testiert, dass die Masten den Funkverkehr nicht stören.

Die längste Zeit und die gründlichste Vorbereitung nimmt den Experten zufolge "das arten- und naturschutzrechtliche Gutachten ein". Hierbei nehmen die Gutachter alles unter die Lupe, was rund um die Windräder im Radius von bis zu fünf Kilometer kreucht und fleucht. Besonderen Schutz genießen Fledermäuse oder Vögel wie der Rotmilan. "Allein der Leitfaden, nach dem das naturschutzrechtliche Verfahren ablaufen muss, umfasst 100 Seiten", sagt Brill. Weil diese Gutachten teuer und aufwendig sind, "empfiehlt es sich, schon vorher mit dem Gutachter den Standort unter die Lupe zu nehmen", meint Nägler. Findet dieser Alleen oder Flächen mit Hecken vor, käme oft schon ein "Vergesst es", weil "dort Fledermäuse ideale Nistbedingungen vorfinden".

Die zentrale Genehmigungsbehörde ist das Landesamt für Umwelt- und Arbeitsschutz (LUA), das den eingereichten Antrag Punkt für Punkt durcharbeitet. Dessen Fachkompetenz loben die Ökostrom-Projektierer. "Dort wird unter schwierigsten Rahmenbedingungen sehr gute Arbeit geleistet."

Ist das alles geschafft, muss am Ende das infrage kommende Gelände hergerichtet werden. "Je nach Untergrund müssen wir festlegen, wie tief die Fundamente reichen müssen", erläutert Nägler. Zudem müssen sie dafür sorgen, dass die Schwerlast-Transporter mit Mast, Gondel und Flügeln "auch das vorgesehene Gelände erreichen können und nicht in irgendeiner Ortsdurchfahrt stecken bleiben". Und nicht zuletzt: "Die Menschen in der Umgebung müssen den Windpark akzeptieren." Das gehe nur, wenn die Bürger "früh genug informiert werden und das Verfahren transparent ist". Besser noch, "wenn sie sich an ihrem Windpark beteiligen können oder zumindest die Kommune zusätzliche Steuereinnahmen hat". Bisher sei das bei den Projekten von Ökostrom auch gelungen. Grund: "Wir sind von hier. Wir können uns keinen Unsinn leisten."