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Fußball-Nationalmannschaft
Gut gelaunt in den nächsten Härtetest

Bundestrainer Joachim Löw zeigte sich gestern auf der Pressekonferenz bestens gelaunt.
Bundestrainer Joachim Löw zeigte sich gestern auf der Pressekonferenz bestens gelaunt. FOTO: Christian Charisius / dpa
Berlin. Die deutsche Nationalmannschaft trifft heute in Berlin auf Brasilien. Erinnerungen an das glorreiche 7:1 von der WM 2014 werden wach.

Ganz Brasilien sinnt auf Rache für sein nationales Trauma, doch Joachim Löw stellt dem heiligen Zorn des Rekordweltmeisters im letzten WM-Härtetest gelassen seine B-Elf entgegen. „Die Motivation der Spieler, dieses 7:1 auszumerzen, wird unermesslich sein. Sie haben Revanchegelüste“, sagte Löw vor dem Kracher im ausverkauften Berliner Olympiastadion am heutigen Dienstag (20.45 Uhr/ZDF), und ergänzte cool: „Aber das geht ja nicht.“


Die „Schmach von Belo Horizonte“, dieses Jahrhundertthema des historischen WM-Halbfinals 2014, „kann man nicht mehr zurückholen“, sagte der Bundestrainer. Schon gar nicht in einem Test. Doch obwohl Löw die eigentlich unverzichtbaren Weltmeister Thomas Müller und Mesut Özil zur Schonung nach Hause schickte und weitere Wechsel plant, misst er dem letzten Länderspiel vor der Nominierung seines WM-Kaders für Russland große Bedeutung bei. Der mögliche Rekord von 23 Spielen ohne Niederlage spielt dabei aber keine Rolle. „In jeder Beziehung, in jedem Detail müssen wir noch besser werden“, sagte Löw gestern in Berlin.

Seine Mannschaft soll an den Besten wachsen – nur so könne die historisch schwierige Mission vom fünften Stern im Sommer gelingen. Da kommt es Löw sogar gelegen, dass die Seleção Revanche nehmen will für dieses „tragische Ereignis“, wie es eine brasilianische Reporterin formulierte. „Leider“ (Löw) ohne ihren verletzten Superstar Neymar. Die verbliebenen Ballkünstler um Philippe Coutinho, Gabriel Jesus oder Casemiro würden schon dafür sorgen, dass „wir die Folgen des 7:1 zu spüren bekommen“, sagte Jérôme Boateng. Der Bayern-Profi wird in seiner Heimatstadt die Kapitänsbinde tragen, sofern auch der angeschlagene Sami Khedira wie erwartet aussetzt. „Ein Risiko werden wir in dieser Phase nicht eingehen, da darf nichts passieren“, sagte Löw.

Deshalb bekamen die viel belasteten Müller und Özil eine schöpferische Pause, deshalb lässt er in der Hauptstadt die zweite Garde ran. Für den leicht angeschlagenen Marc-André ter Stegen (Patellasehne) stehen Bernd Leno und der Saarländer Kevin Trapp jeweils eine Halbzeit im Tor und damit die Torhüter, die um den dritten Platz im WM-Aufgebot kämpfen. Auch der Herthaner Marvin Plattenhardt (für den Saarländer Jonas Hector), Ilkay Gündogan und Leroy Sané kommen rein, dazu wohl Matthias Ginter und Leon Goretzka.

„So etwas“, mokierte sich ein brasilianischer Journalist über Löws Nonchalance, würde es in Brasilien nicht geben. Doch es handelt sich dabei nicht um Übermut – der Bundestrainer will seine Mannschaft kitzeln und den „härtesten Konkurrenzkampf, den wir je hatten“, weiter forcieren. Denn, so betonte auch Boateng: „In jedem Bereich gibt es noch Luft nach oben.“ Ähnlich hatte er sich bereits nach dem 1:1 im ersten Teil des doppelten WM-Härtetests gegen Spanien geäußert. „Ich unterstütze das, was Jérôme gesagt hat. Deutschland kann, muss und wird sich auch noch steigern“, sagte Löw. Boateng meinte: „Wir wollen im Sommer erfolgreich sein, da müssen wir die Dinge klar ansprechen. Das ist besser, als wenn man es verstreichen lässt und wir uns alle blöd angucken, wenn es drauf ankommt.“



Wie Brasilien 2014. Doch deren Mannschaft 2018 habe nichts mehr mit der von damals gemein, warnte Löw. „Brasilien hat sich entscheidend verbessert“, sagte er, vor allem in der inzwischen kollektiven Defensivarbeit. Dazu komme der „beeindruckende“ Angriff, schwärmte Boateng, „da sind alle Spieler sehr gefährlich, alle haben Weltklasseformat und können mit einer Aktion Spiele entscheiden“.

Am liebsten natürlich heute gegen die Deutschen, „unseren Albtraum“, wie Nationaltrainer Tite sagte. „Die Wunde ist noch immer offen. Dieses Länderspiel in Berlin ist auch Teil des Prozesses der Vernarbung“, berichtete er: „Das hat psychologisch eine sehr große Bedeutung, da muss man sich gar nichts vormachen. Das 7:1 von der WM 2014 ist ein Gespenst.“