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Auf der Insel werden die Träume zerfetzt

Auf der Insel werden die Träume zerfetzt

Die Briten greifen bei der Spitzensportförderung knallhart durch: Mehrere Sportarten werden bis zu den Sommerspielen 2020 nicht mehr gefördert.

Bis zum Alter von 21 Jahren musste das britische Badminton-Idol Gail Emms neben ihrem Sport kellnern, Geld zusammenkratzen für ihren Traum von Olympia. Erst als ihre Zeit als Teilzeit-Profi vorbei war, feierte die Doppel- und Mixed-Spezialistin ihre größten Erfolge: Weltmeisterin, Europameisterin und allen voran Olympia-Silber in Athen 2004. Doch ihren Nachfolgern droht wegen der alleinigen Fixierung auf Medaillen der Rückfall in die "Steinzeit".

Ausgerechnet im Mutterland muss die traditionsreiche Sportart künftig ohne finanzielle Unterstützung auskommen. UK Sport, die für Sportförderung zuständige Organisation, lehnte wie bei sechs weiteren Verbänden den Einspruch gegen die Entscheidung ab. Obwohl der Verband in Rio mit Bronze im Herrendoppel (Marcus Ellis und Chris Langridge) das vorgegebene Medaillenziel erfüllte und auch in Tokio Chancen hat. "Es fühlt sich an, als wenn wir wieder ein Hobby-Sport werden", sagte Emms: "Es ist, als ob dir jemand dein Herz, deine Emotionen, deine Träume nimmt - und sie vollkommen zerfetzt."

Es ist ein Szenario, das nicht erst seit der Spitzensportreform auch in Deutschland gefürchtet wird. Und 2014 für die Curler fast wahr geworden wäre. Kein Geld vom Staat bedeutet auch in Deutschland für jeden olympischen Verband das Ende des Leistungssports. Wie die künftige Förderung für Sportarten ohne Medaillenchancen aussehen wird, ist auch nach Verabschiedung der Reform noch unklar. So drastisch wie in Großbritannien soll es allerdings nicht werden.

Auf der Insel jedenfalls hat die Entscheidung große Diskussionen ausgelöst. Denn es ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel in der ohnehin schon kompromisslosen Leistungssportförderung durch UK Sport. Erstmals wird ein Verband trotz Medaillenchancen bei den kommenden Olympischen Spielen aus der Förderung genommen. Offenbar geht es nicht mehr nur um Sportarten, die Medaillen gewinnen können, sondern um Sportarten, die viele Medaillen gewinnen können. "Je mehr goldene Patronen man abfeuert, umso mehr treffen unausweichlich ihr Ziel", schrieb der Guardian. UK Sport verteidigte das "brutale" Vorgehen. "Es kommt drauf an, was man mit brutal meint", entgegnete der Vorsitzende Rod Carr: "Wäre es brutaler, wenn wir aus Tokio mit weit weniger Medaillen zurückkommen, weil wir keine harten Entscheidungen getroffen haben?" Und Geschäftsführerin Liz Nicholl ergänzte: "Die Umfragen sagen: Die Menschen sind stolz auf die königliche Familie, das Militär - und Erfolg bei Olympischen und Paralympischen Spielen."

Keine Kompromisse bei der Förderung also. Der Ansatz, der das britische Team von einem Gold in Atlanta 1996 zu 67 Medaillen in Rio führte. Eben weil UK Sport, 1997 gegründet, bei der Verteilung des Geldes knallhart nach Medaillenchancen aussortiert. Leidvoll musste das neben Badminton auch Fechten, Gewichtheben, Tischtennis und Bogenschießen sowie die paralympischen Verbände für Rollstuhl-Rugby und Goalball erfahren.

Insgesamt schüttet die von einer Lotterie unterstützte Organisation UK Sport bis Tokio etwa 403 Millionen Euro aus. Das sind zwar nur zwei Millionen Euro weniger als im Vorfeld der Spiele in Rio de Janeiro. Allerdings habe UK Sport wegen des schwachen Pfunds effektiv deutlich weniger Geld zur Verfügung. Auch eine Auswirkung des Brexit-Votums.

Der Guardian hatte schon zuvor weitere Fragen aufgeworfen: "Wie viele Medaillen sind genug? Wären wir weniger enthusiastisch, wenn wir 50 anstatt 67 Medaillen gewonnen hätten? Wäre ein Kompromiss wirklich so schlecht?", schrieb die Tageszeitung und folgerte: "Genug Medaillen, um die Bevölkerung und die Geldgeber glücklich zu machen und gleichzeitig Athleten in kleineren Sportarten ihren Olympiatraum zu ermöglichen, wäre sicherlich nicht das Ende der Welt." UK Sport sieht es anders - und setzt seinen Weg unbeirrt fort.

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