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Kulturparks Reinheim-Bliesbrück
Ein Schaufenster in die Siedlungsgeschichte

Rekonstruktion des Grabes einer keltischen Fürstin.
Rekonstruktion des Grabes einer keltischen Fürstin. FOTO: Kulturpark
Reinheim/Bliesbruck. Der grenzüberschreitende Europäische Kulturpark Reinheim/Bliesbruck will Bildung, Kultur und Forschung in sich vereinen. Von Dennis Langenstein

„Im Bliestal lässt sich die Siedlungsgeschichte von der Steinzeit bis ins Mittelalter beobachten“, sagt Andreas Stinsky. Der Archäologe ist Museumsleiter des Kulturparks Reinheim-Bliesbrück, und der kann und will nicht nur für Interessierte an der Geschichte eine Besonderheit sein. „Wir wollen kein elitärer Archäologen-Park sein, wir freuen uns über jeden, der hierher kommt, auch wenn es für ein Picknick ist.“ Der Park sei zwar eine Bildungsstätte, soll jedoch für jedermann zugänglich sein. „Archäologie zum Anfassen“, nennt es Stinsky. Und obwohl der Park etwas abgelegen sei, zähle man pro Jahr im Schnitt etwa 50 000 Ticketbesucher. Wie viele es darüber hinaus sind, lässt sich nicht ermitteln. Das Parkgelände ist frei zugänglich. Jeder kann hier auch einfach nur spazieren gehen.


Die gepflegte Anlage, die nahezu die doppelte Fläche des Vatikanstaates umfasst, bietet dafür reichlich Platz. Auf 700 000 Quadratmetern finden sich hier zahlreiche Spuren, vor allem aus der keltischen und römischen Siedlungsgeschichte. Eine weitere Besonderheit des Kulturparks ist die deutsch-französische Grenze, die fast mittig das Gelände teilt. Im Jahr 1989 wurde hier Geschichte zum grenzüberschreitenden Projekt erklärt. Dabei hatten die Forscher das Glück, dass das Areal im Talkessel nie überbaut wurde. „Ein Schaufenster zur Geschichte“, nennt es der Museumsleiter.

Und Geschichte lässt sich hier auch hautnah erleben. Nicht nur in den verschiedenen Ausstellungsräumen und bei den römischen Gladiatoren(schau)kämpfen oder dem keltischen Neujahrsfest, sondern auch bei Ausgrabungen, bei denen der Laie unter fachkundiger Anleitung auch zur Spachtel und zur Zahnbürste greifen darf. Denn auf dem weitläufigen Areal und deren Umgebung gibt es noch viel zu entdecken. „Gute 100 Jahre haben wir hier noch zu tun“, sagt Stinsky. Dabei wurden erste Ausgrabungen an der römischen Villa, deren Hauptgebäude 2600 Quadratmeter umfassen, bereits 1806 durchgeführt. 50 Räume soll das Gebäude, teilweise auf zwei Stockwerken, gehabt haben. Auf dem Landgut selbst haben einmal 50 bis 80 Menschen gelebt, schätzt der Museumsleiter. Der Baustil der Villa sei allerdings eher eine Mischkultur. Der Grundriss sei den Galliern zuzuordnen, die gefundenen Wandmalereien und Säulen hingegen im Stil römisch.



Kurz darauf stehen wir vor einem 150 Quadratmeter „Loch“. Der Rasen ist abgetragen, schwarze Planen schützen die noch nicht erforschten Stellen vor Wind und Wetter. Und fast mittendrin kniet Georg Groß vom Saarländischen Museumsverband auf dem kargen Boden. Er hat den ganzen Morgen damit verbracht, ein Wirrwarr aus Stein, Mörtel und Putz freizulegen. Vorsichtig versucht er mit einer Spachtel und einem Messer die einzelnen Bruchstücke voneinander zu lösen. Ein Geduldsspiel. Seit knapp fünf Jahren trägt man in dem Areal, das einmal zum Garten eines der größten Landsitze aus römischer Zeit diesseits der Alpen gehörte, Mauerputzstücke, die Wandmalereien zeigen, zusammen. „Es war damals wie heute. War die Tapete nicht mehr modern, wurde sie abgetragen und in diesem Fall im Garten entsorgt“, erklärt der Museumsleiter. Und die damals nicht mehr „moderne Tapete“, die „ein breites Spektrum ein geometrischen Formen bis hin zu figürlichen Zeichnungen zeigt“, soll in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut, soweit es geht, auch wieder zu ihrer ursprünglichen Form zusammenfinden.

Die Mosaike werden dann nach den bisherigen Planungen im Museum über der Taverne zu sehen sein, zusammen mit den jetzt schon ausgestellten Fundstücken aus der römischen Villa. Hier werden etwa Werkzeuge aus den Betriebsgebäuden, verschiedene Formen Steinsäulen und auch Schmuckstücke ausgestellt. Zudem gibt es hier einen besonderen Fund zu bewundern. Die Maske eines römischen Reiteroffiziers. Ob diese als Sammlerstück in das Landgut kam, oder durch einen Veteranen ins Bliestal getragen würde, ist jedoch wahrscheinlich nicht mehr zu ermitteln, erklärt Stinsky.

Kurz hinter dem Areal der Villa mit ihren Wirtschaftsgebäuden geht es dann auf die französische Seite. Hier sind die Fundamente einer römischen Kleinstadt (Vicus) freigelegt, samt der dazugehörigen Therme, letzteres wahrscheinlich eine Stiftung der Besitzer des Landguts. „Es ist erstaunlich, wie es die Menschen damals schon beherrschten, die Räume unterschiedlich zu temperieren“, schwärmt der 34-jährige Archäologe. Fußbodenheizungen seien damals nicht nur in den Badeanstalten und Villen zum Einsatz gekommen, auch in den Häusern der Kleinstadt haben die Archäologen Überreste entdeckt.

Eine weitere Besonderheit, diesmal wieder auf deutscher Seite, ist das Keltengrab einer Fürstin. Dieses wurde 1954 mit viel Glück gefunden, denn auf dem Areal wurde damals Kies und Sand abgebaut. „Das Grab wurde zur Keimzelle für den Kulturpark“, sagt der Museumsleiter, und: „Die Grabbeigaben zeigen uns, wie vernetzt die damalige Welt schon war.“ Und sie sind ein Verweis auf den enormen Reichtum der Fürstin. Darunter Bernstein von der Ostsee, Schmuck aus reinem Gold und Muscheln aus dem Mittelmeerraum. Ein Spiegel als Grabbeigabe ist laut Stinsky ein Beleg für eine Begräbnis-Sitte der Etrusker. Eine Kanne Wein, die man bei ihr fand, sei damals eher im Mittelmeerraum als Grabbeigabe verwendet worden. Hinzu komme ein Ring aus Ölschiefer, der belege, dass die Menschen damals schon Bergbau betrieben haben. „Die Kunstfertigkeit, mit der einige der Beigaben verziert wurden, zeichnen das Grab als eines der besonderen in Europa aus“, schwärmt der Museumsleiter.

Im kommenden Jahr feiert der Kulturpark im Übrigen sein 30-jähriges Bestehen. Zum Auftakt soll es im Frühjahr eine Fotoausstellung geben, die zur Entdeckungsreise zu 60 spannenden und geschichtsträchtigen Orten im Saarland einlädt.

Serie Museen im Saarland: Die Saarbrücker Zeitung stellte in den vergangenen Monaten wöchentlich ein saarländisches Museum vor. Teil 1: Interview mit Meinrad Maria Grewenig, Generaldirektor Weltkulturerbe Völklinger Hütte und Präsident Saarländischer Museumsverband (6. Juni), Teil 2: Roland Mönig und Moderne Galerie (13. Juni), Teil 3: Ludwig-Galerie Saarlouis (20. Juni), Teil 4: St. Wendeler Museum im Mia-Münster-Haus (27. Juni), Teil 5: Uhrenmuseum Köllerbach (4. Juli), Teil 6: Historisches Museum Saarbrücken (11. Juli), Teil 7: Römermuseum Schwarzenacker (18. Juli), Teil 8: Saarland-Museum für Vor- und Frühgeschichte (25. Juli), Teil 9: Zeitungsmuseum Wadgassen (1. August), Teil 10: Altenkirch-Museum Rubenheim (8. August), Teil 11: Die Römische Villa Borg (15. August). Teil 12: Jean-Lurçat-Museum Eppelborn (22. August), Teil 13: Keramikmuseum Mettlach (29. August), Teil 14: Museum für Mode und Tracht Nohfelden (5. September), Teil 15: Theulegium Tholey (12. September), Teil 16: Glasmuseum Ludweiler (19. September), Teil 17: Städtisches Museum Saarlouis (26. September), Teil 18: Der Europäische Kulturpark Reinheim/Bliesbruck (2./3. Oktober). Teil 19: Erlebnisbergwerk Velsen (10. Oktober).

Die Therme der römischen Kleinstadt.
Die Therme der römischen Kleinstadt. FOTO: Dennis Langenstein
Georg Groß und Museumsleiter Andreas Stinsky (rechts) an einer Ausgrabungsstelle. Die Forscher versuchen hier Wandmalereien zu retten.
Georg Groß und Museumsleiter Andreas Stinsky (rechts) an einer Ausgrabungsstelle. Die Forscher versuchen hier Wandmalereien zu retten. FOTO: Dennis Langenstein
Rekonstruktionen von unterschiedlichen Wandbemalungen aus der römischen Kleinstadt.
Rekonstruktionen von unterschiedlichen Wandbemalungen aus der römischen Kleinstadt. FOTO: Dennis Langenstein
Die Maske eines römischen Reiteroffiziers.
Die Maske eines römischen Reiteroffiziers. FOTO: Dennis Langenstein