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ZF eröffnet neues Forschungszentrum in Saarbrücken für autonome Autos

„Einzigartige Chancen mit einzigartigen Risiken“ : Das Auto der Zukunft kommt aus dem Saarland

Die ZF Friedrichshafen AG hat gestern ein neues Forschungszentrum in Saarbrücken eröffnet. Dort sollen autonome Fahrzeuge entstehen.

„Es ist ein schöner Tag für das Saarland.“ Mit diesen Worten fasst Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) zusammen, welche Bedeutung das neue Technologiezentrum der ZF Friedrichshafen AG künftig für die Region haben soll. Im gestern eröffneten „ZF AI & Cybersecurity Center“ will der Konzern auf dem Saarbrücker Gelände der Saar-Universität die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) vorantreiben. Sie soll in autonomen Autos, aber auch in der Produktionssteuerung des Autozulieferers Verwendung finden. Mit an Bord sind das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und das Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit (Cispa). Beide liegen in direkter Nachbarschaft zum neuen Technologiezentrum.

„KI und Datensicherheit sind für uns Schlüsselwerte“, sagte der ZF-Vorstandsvorsitzende Wolf-Henning Scheider bei der Eröffnung. „Nicht nur für unsere Produkte, sondern für unsere gesamte Wertschöpfungskette in der Produktion.“ Die dafür benötigte Technologie sei allerdings so komplex, dass sie „nur interdisziplinär und in Kooperationen“ entwickelt werden könne. „Das DFKI und das Cispa sind die Adressen für KI und Cybersecurity – beide Institute sind auch international sehr hoch angesehen“, sagt Scheider.

Die beiden starken Partner in der Nachbarschaft sind laut Scheider aber nicht die einzigen Pluspunkte, die den Standort Saarbrücken für die ZF attraktiv machen. „Wir genießen hier die volle Unterstützung der Politik“, sagt Scheider. Ein weiterer Faktor sei der IT-Forschungsschwerpunkt der Saar-Universität. „Die Spitzenkräfte, die wir benötigen, werden gleich hier vor Ort ausgebildet.“

Rund 100 dieser Fachkräfte sollen am neuen Technologiezentrum beschäftigt werden. Sie zu finden, ist eine der zentralen Herausforderungen des Projektes. „Geld ist tatsächlich nicht der wichtigste Faktor, sondern Köpfe“, sagt der Direktor des Cispa, Michael Backes. „Hier gibt es die besten Voraussetzungen, um diese Mitarbeiter zu finden“, ergänzt Wolf-Henning Scheider. Zusätzlich werde weltweit nach qualifizierten Fachkräften gesucht, sagt Backes.

Für Tobias Hans stellt das neue Technologiezentrum einen Meilenstein für die ökonomische Entwicklung des Saarlandes dar. Das Institut vereine Automobilindustrie und IT-Forschung – beides seien wichtige Standbeine der Saar-Wirtschaft. „Nach dem schwierigen Strukturwandel der vergangenen Jahre sind wir jetzt der drittgrößte Automobilstandort der Bundesrepublik“, sagt Hans. Selbstfahrenden Autos werde dabei eine immer größere Bedeutung zukommen. „Wir dürfen nicht zuschauen, wie andere das Auto der Zukunft bauen“, so die Forderung des Ministerpräsidenten.

Damit diese Zukunftsvision Realität werden kann, muss die Datensicherheit laut Backes an erster Stelle stehen. „Den einzigartigen Chancen, die diese Technologie mit sich bringt, stehen einzigartige Risiken gegenüber“, erklärt der Informatik-Professor. „Autonome Autos treffen Entscheidungen schneller und besser als jeder Mensch. Sie übernehmen aber auch die Kontrolle.“ Das berge gerade in einer Zeit, in der Cyber-Angriffe zum Alltag gehörten, ein enormes Risikopotenzial. „Wer schon einmal in einem autonomen Auto auf eine rote Ampel zugefahren ist, wird den Wert von Datensicherheit sofort verstehen“, sagt Backes.

Der Cispa-Direktor fordert daher, dass scharfe Sicherheitsstandards etabliert werden müssen. „Wer einen PC besitzt, kennt das: Alle zwei Wochen stürzt er ab und selbst Fachleute können nicht erklären, wo das Problem liegt“, sagt Backes. „Jetzt stellen Sie sich vor, Sie haben ein autonomes Auto, das gegen einen Baum fährt, bringen es in die Werkstatt und zwei Wochen später fährt es wieder gegen den Baum.“

Diese Vorstellung beunruhige ihn zutiefst, sagt Backes. „Ich bin in Sorge, dass nicht-ausgereifte autonome Autos auf den Markt kommen. Wenn es dann zu schweren Unfällen kommt, wird die Bevölkerung vielleicht die gesamte Technologie ablehnen.“ Daher müsse zunächst untersucht werden, wo mögliche Probleme lauern könnten, um sie im Anschluss zu lösen. „Ich glaube nicht, dass der erfolgreich sein wird, der zuerst ein autonomes Auto baut, sondern der, der eines baut, dem die Menschen vertrauen.“

Beim Cispa wie beim DFKI fühlt man sich für diese Herausforderungen gut gerüstet. „Dafür sind wir angetreten“, sagt Michael Backes. Dank autonomer Autos könnten Verkehrsunfälle seiner Meinung nach bald gänzlich der Vergangenheit angehören, „aber dazu werden wir die Datensicherheit fundamental in den Griff bekommen müssen“.  Auch die neue Direktorin des DFKI, Jana Koehler, zeigt sich optimistisch: „Wir haben hier eine tolle Uni und tolle Institute“, sagt die Informatik-Professorin. „Ich bin überzeugt, dass Deutschland das Land sein wird, das Künstliche Intelligenz in die Realität bringen wird.“