Wer ermordete Samuel Yeboah?

Die Blicke der Saarländer waren noch auf Hoyerswerda gerichtet. Da erschütterte ein Brandanschlag auf ein Asylheim in Fraulautern das Land. Der Ghanaer Samuel Yeboah starb – von den Tätern fehlt bis heute die Spur.

Foto: Andreas Engel
Knapp drei Wochen nach dem Mord, am 10. Oktober, wurde Yeboah auf einem Urnen-Grabfeld der Kreisstadt beerdigt. Foto: Andreas Engel

Die Brandnacht von Fraulautern beginnt um 3.30 Uhr. Im Asylheim in der Saarlouiser Straße schütten ein oder mehrere Täter Brandbeschleuniger ins Treppenhaus - und entzünden ihn. Das Feuer breitet sich schnell aus. Binnen weniger Minuten brennen zuerst die Holzstufen des einstigen Hotels "Weißes Röß‘l", dann die Wände und die ersten Zimmer. 16 der 19 Bewohner entkommen unverletzt. Zwei Nigerianer springen aus dem Fenster, brechen sich die Knochen. Ein Ghanaer rennt ins Treppenhaus, mitten in die Flammen - in den sicheren Tod. Zeitgleich rast ein silberfarbenes Auto mit hoher Geschwindigkeit durch die Straße.

Die Spuren verlieren sich in der Nacht. Der Flüchtling erliegt wenig später im Krankenhaus seinen schweren Verbrennungen. Sein Name: Samuel Yeboah. Der frühere Landwirt aus Westafrika wurde nur 27 Jahre alt. Bis heute, genau 25 Jahre spä- ter, ist der sinnlose Tod von Yeboah nicht aufgeklärt. "Die Mordkommission ermittelte in Richtung fremdenfeindliche Tat", sagt Harald Schnur im SZGespräch. Er ist der Leiter des Landeskriminalamtes. Deutschland war im September 1991 ein Pulverfass. "Es fühlte sich durchaus an wie heute", warnt Schnur. "Es gab viele Flüchtlinge und viele in der Gesellschaft, die gegen Fremde waren." Etliche Politiker verschärften mit einer dramatisierenden Rhetorik ("Das Boot ist voll") das fremdenfeindliche Klima weiter. Überall - auch im Saarland - brannten Flüchtlingsheime, wurden Ausländer angegriffen, Hakenkreuze an Wände geschmiert.

Beispielhaft für diese Zeit ist Hoyerswerda, die Partnerstadt Dillingens. Nur zwei Tage vor dem Mord an Yeboah vertrieb ein rechter Mob Flüchtlinge aus der Stadt - unter johlendem Beifall der Bürger. Die über zehn Mann starke Sonderkommission im Saarland, in der auch der Staatsschutz eingebunden war, jagte den oder die Mörder Yeboahs indes fast ein Jahr lang - "ergebnisoffen", wie sie zwei Wochen nach der Tat in der Presse erklärte. Was das heißt: "Die Polizisten nehmen auch andere Tatmotive in Betracht, beispielsweise eine Beziehungstat", erklärt Schnur. Elf Monate später, im August 1992, heißt es dann: Der Fall wird eingestellt - vorerst. Egal wie groß der Fremdenhass in der Gesellschaft damals war, viele Bürger schockierte der Mord, 20 000 protestierten im Saarland bei einer Demo gegen Ausländerhass. Deutschrocker Wolf Maahn schrieb für den Westafrikaner das Lied "Samuel". An der Trauerfeier, gut drei Wochen nach dem Tod Yeboahs, nahmen 200 Familienangehörige, Freunde und Politiker teil. "Mit gesenkten Köpfen" und "Tränen in den Augen" standen sie am Grab des Ghanaers, berichtete die SZ. Heute erinnert in Saarlouis ein Gedenkstein auf dem Friedhof "Neue Welt" an den Tod Yeboahs. Das ist zu wenig, klagen der Saarländische Flüchtlingsrat und die Antifaschistische Aktion Saar, kurz: Antifa-Saar, seit vielen Jahren. Sie fordern eine Yeboah-Plakette oder eine -Skulptur an einem markanten Platz - mit klarer Benennung des "menschenverachtenden Motivs". Bislang haben die Gruppen keinen Erfolg.

Die Stadt sträubt sich. Und deshalb gibt es Jahr für Jahr Streit über das Gedenken an Yeboah. In einem offenen Brief fordert dieses Mal unter anderem die Antifa-Saar Saarlouis auf, die "rassistische Tat endlich als solche anzuerkennen und öffentlich Stellung zu beziehen". Oberbürgermeister Roland Henz (SPD) weist die Kritik, auch in einem Brief, zurück. Saarlouis weigere sich nicht "beharrlich", Yeboah "würdig" zu gedenken. "Die Stadt und deren Verantwortliche leugnen den Brandanschlag nicht. Aber bis heute, anders als anderswo, gibt es keine eindeutigen Beweise für einen rassistischen Anschlag." Deshalb will Henz Saarlouis nicht mit Städten vergleichen, in denen Anschläge "zweifelsfrei rassistischen Ursprungs" waren. LKA-Chef Schnur stützt die Argumentation von Henz. "Es wurden keine Beweise für eine fremdenfeindliche Tat gefunden - beispielsweise Hakenkreuzschmierereien, ein Bekennerschreiber oder gar ein Täter." Allerdings wird der Mordfall Yeboah in den Polizei-Archiven weiter als "fremdenfeindliche Tat" geführt. Warum? Es gibt auch keine Belege, "die eindeutig gegen Rechtsterror sprechen". Zu den Akten wird die Polizei den Fall also nicht legen. "Mord verjährt nie", sagt der LKA-Chef. Zuletzt wurde er vor zwei Jahren aufgerollt. Ermittler einer Bundesstelle in Köln nahmen sich die Akten vor.

Jedoch blieb auch ihre Spurensuche "ergebnislos". Schnur hofft dennoch, dass irgendwann neue Ermittlungsmethoden auf die Fährte der Verbrecher führen und es so endlich eine Antwort auf die Frage geben wird: Wer ermordete Samuel Yeboah? Allerdings: "Die Chancen, den Fall aufzuklären, sinken von Jahr zu Jahr."