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Papst Franziskus ruft in der Enzyklika „Fratelli tutti“ zu Humanismus auf

Enzyklika „Fratelli tutti“ : Der Papst ruft zu einem neuen Humanismus auf

Die Enzyklika „Fratelli tutti“ ist eine schonungslose Analyse der Gegenwart. Der Pontifex prangert darin Nationalismus und Ungerechtigkeit an.

Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten, Konflikte, Auseinandersetzungen und Not nehmen zu. Papst Franziskus hat das zum Anlass genommen, die Menschen zu einem neuen Humanismus aufzurufen. In seiner am Sonntag veröffentlichten Enzyklika „Fratelli tutti“ schreibt das Oberhaupt der katholischen Kirche: „Ich habe den großen Wunsch, dass wir in dieser Zeit, die uns zum Leben gegeben ist, die Würde jedes Menschen anerkennen und bei allen ein weltweites Streben nach Geschwisterlichkeit zum Leben erwecken.“

„Fratelli tutti“, das dritte große Grundsatz-Lehrschreiben von Papst Franziskus nach „Lumen Fidei“ (2013) und „Laudato Si“ (2015) trägt seinen Titel nach einem Text von Franz von Assisi, dem Namenspatron des Papstes. Franziskus hatte am Samstag erstmals seit der Corona-Pandemie wieder den Vatikan verlassen und war nach Assisi gereist, wo er die Enzyklika am Grab des Heiligen unterschrieb. Der Papst versteht sein Schreiben „über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft“ als „demütigen Beitrag zum Nachdenken“ angesichts der Krise, in der sich die Menschheit befindet.

Die Corona-Pandemie habe die „Unfähigkeit hinsichtlich eines gemeinsamen Handelns zum Vorschein“ gebracht und die bereits bestehenden Konflikte in der Welt verschärft. In einer schonungslosen Analyse der Gegenwart weist Franziskus auf „verbohrte, übertriebene, wütende und aggressive Nationalismen“ hin, auf weit verbreiteten „Egoismus“ und den „Verlust des Sozialempfindens“. Als Beispiele für Ungerechtigkeit erwähnt der Papst Armut, Rassismus, die Ungleichbehandlung von Frauen gegenüber Männern, moderne Sklaverei sowie den Umgang mit Migranten, aber auch mit alten Menschen.

Wie schon in der Vergangenheit kritisiert der Papst ein verbreitetes „Wirtschaftsmodell, das auf dem Profit gründet und nicht davor zurückscheut, den Menschen auszubeuten, wegzuwerfen und sogar zu töten“. Die Zerbrechlichkeit der weltweiten Systeme angesichts der Pandemie habe gezeigt, „dass nicht alles durch den freien Markt gelöst werden kann“. Angesichts dieser Analyse schreibt der Papst, sein Entwurf „für die Entwicklung der Menschheit klingt heute wie eine Verrücktheit“.

Ausgehend von einer Analyse des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter stellt der Papst fest: „Wir sind Analphabeten, wenn es darum geht, die Gebrechlichsten und Schwächsten unserer entwickelten Gesellschaften zu begleiten, zu pflegen und zu unterstützen.“ Die Folge sei eine „kranke Gesellschaft, die versucht, in ihrem Leben dem Schmerz den Rücken zuzukehren“. Wenn immer mehr Menschen hingegen „die Zerbrechlichkeit der anderen annehmen“, könne sich die Gemeinschaft erneuern. „Es muss ein Bewusstsein dafür entstehen, was ein Mensch wert ist“, heißt es in „Fratelli tutti“. Jeder Mensch besitze eine Würde, unter allen Umständen.

Zahlreiche Abschnitte widmet Franziskus dem Thema Migration. „Niemand darf aufgrund seiner Herkunft ausgeschlossen werden“, schreibt der 83-jährige Pontifex aus Argentinien. Die Devise im Umgang mit Migranten laute „aufnehmen, schützen, fördern und integrieren“. Er verstehe die Furcht vor Einwanderung. Die Menschen sollten aber „über diese primären Reaktionen“ hinausgehen. Konkret fordert er unter anderem eine größere Zahl humanitärer Visa und Korridore sowie die Vereinfachung von Asyl-Antragsverfahren. In den beiden Schlusskapiteln spricht sich der Papst vehement gegen Krieg und die Todesstrafe sowie für den friedensstiftenden Dialog zwischen den Religionen aus. „Rache löst nie wirklich das Ungemach der Opfer“, schreibt Franziskus. Versöhnung werde „im Konflikt erreicht, wenn man ihn durch Dialog und transparente, aufrichtige und geduldige Verhandlungen löst“.