1. Saarland
  2. Landespolitik

Kritik am Brief der Kleruskongregation zu Priestern und Gemeindeleitung

Schreiben der Kleruskongregation zu Priestern und Gemeindeleitung : Aufstand gegen das Machtwort des Papstes

Weil die katholische Kirche kaum noch Priester hat, übernehmen immer mehr Laien Leitungsfunktionen. Dagegen hat sich jetzt Franziskus ausgesprochen.

Das von Papst Franziskus gebilligte Schreiben der Kleruskongregation des Vatikans trägt den komplex wirkenden Titel „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“. Und der darunter folgende Text ist für viele Katholiken eine Provokation, ja ein Skandal. Darin verbietet die Kongregation die Leitung von Pfarrgemeinden durch ein gleichberechtigtes Team von Priestern und Nicht-Klerikern. Außerdem wird die Zusammenlegung von Gemeinden – abgesehen von begründeten Ausnahmefällen – untersagt.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (Zdk), Thomas Sternberg, bescheinigt dem Papier eine „abenteuerliche Realitätsferne“. Das könne nur jemand geschrieben haben, „der nie in einer Gemeinde von heute war“, bringt auch der Vorsitzende des Katholikenrats im Bistum Trier, Manfred Thesing, seine Fassungslosigkeit zum Ausdruck.

Worum geht es? Zurzeit gibt es in ganz Deutschland 13 000 Priester, vor 30 Jahren waren es noch 20 000. Im ganzen vergangenen Jahr wurden nur 63 Männer neu zu Priestern geweiht – bei immerhin noch 22,6 Millionen Katholiken. Jedes Jahr wird in den Kirchen für mehr Priesternachwuchs gebetet – doch der Erfolg lässt auf sich warten. Es herrscht weiter totale Unterversorgung.

Die Bistümer mussten darauf zwangsläufig reagieren. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hat nach seinem Amtsantritt vor drei Jahren dazu einen „pastoralen Weg“ eingeleitet. „Darin sehen wir einen möglichen Weg, Kirche vor Ort lebendig zu halten und sich dennoch nicht im Kleinen zu verzetteln“, erklärt er jetzt in seiner Replik auf die Instruktion aus Rom. Das Bistum Speyer, zu dem im Saarland der Saarpfalz-Kreis gehört, hat vor vier Jahren ein im Jahr 2009 begonnenes ähnliches Programm unter dem Titel „Gemeindepastoral 2015“ abgeschlossen und aus den ehemals 346 Pfarreien 70 neue gebildet. Derzeit arbeitet das Bistum an dem Projekt „Neues Leitungsmodell für Pfarreien“, das in der Homburger Pfarrei Heilig-Kreuz ab Februar 2021 für das gesamte Bistum getestet werden soll. Dabei soll die Gemeinde versuchsweise nicht mehr von einem Pfarrer allein, sondern von einem fünfköpfigen Team geleitet werden, das aus Pfarrer, Gemeindereferent, Pastoralreferent und zwei Ehrenamtlichen besteht.

„Auch nach der Instruktion aus Rom werden wir an dem Projekt weiterarbeiten“, erklärt Bistumssprecher Markus Herr. So verbiete das Schreiben keinesfalls, dass Nichtpriester „an der Ausübung der Hirtensorge einer Pfarrei beteiligt“ werden. Und der Speyerer Generalvikar Andreas Sturm verweist auf das Kirchenrecht, das in Canon 517 (2) eine verlässliche Grundlage für ein solches Versuchsprojekt biete. Gleichwohl sei es enttäuschend, „dass die Versuche der Diözesen, mit dem Priestermangel konstruktiv umzugehen und neue Wege der Seelsorge zu finden, durch die Kleruskongregation so wenig Unterstützung“ erfahre, findet Sturm.

Dass man in Rom eher nicht pragmatisch denkt, musste kürzlich schon der Trierer Bischof Stephan Ackermann feststellen, dessen Diözese sich auch über den größten Teil des Saarlands erstreckt. Er wurde von höchster Stelle zurückgepfiffen, als er die derzeit knapp 890 Pfarreien seines Bistums zu 35 Großpfarreien fusionieren wollte. Ackermanns Plan, die Gemeinden künftig von Teams führen zu lassen, in denen Pfarrer und Ehrenamtliche auf Augenhöhe zusammenarbeiten sollten, wurde ebenfalls mit einem Bannstrahl belegt. Ackermann zeigte sich „ernüchtert“. Aufgeben will man in Trier aber nicht. Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg sagt zu dem aktuellen Schreiben aus Rom: Die Bistumsleitung werde „weiter um angemessene Formen eines neuen Gemeinschaftsstils ringen, zu dem die Instruktion ja auch ausdrücklich auffordert“.

Bischof Kohlgraf aus Mainz wird noch deutlicher. „Ich kann den Eingriff in meine bischöfliche Hirtensorge nicht so einfach hinnehmen“, betont er. Das muss er auch nicht, sagt die ehemalige saarländische Sozialministerin Rita Waschbüsch, die dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken angehört und von November 1987 bis 1997 dessen Vorsitzende war. Das Zweite Vatikanische Konzil habe ausdrücklich die Rolle der Bischöfe und Laien gegenüber dem Papst gestärkt. Im Gegensatz zu dieser höchsten Institution in der katholischen Kirche sei die Kleruskongregation nicht mehr als eine Art Arbeitsgruppe, die sich mit Fragen zur Stellung der Priester in der Kirche befasse und den Bischöfen als Oberhirten ihrer Diözesen nur zuarbeite. „Die Bischöfe müssen jetzt Rückgrat zeigen“, fordert Waschbüsch.

Kohlgraf jedenfalls will trotz der Instruktion auf dem eingeschlagenen Weg bleiben: „Es scheint mir widersinnig, jede Zusammenlegung von Pfarreien als Einzelfälle in Rom genehmigen zu lassen. Strukturen haben sich immer verändert.“ Und auch der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode weigert sich, die neuen Organisationsformen wieder abzuschaffen.

Tatsache ist allerdings auch, dass die Gemeindefusionen in der Vergangenheit oft für Ärger gesorgt haben. Viele engagierte Katholiken liegen deshalb mit ihrer Kirche im Clinch, denn hier geht es ganz konkret um das, was das Gemeindeleben ausmacht: Plötzlich hat die Heimatpfarrei keinen eigenen Etat mehr, muss sich der Nachbargemeinde unterordnen, und bei der Beerdigung steht kein Priester mehr am Sarg, sondern „nur noch“ ein Gemeindereferent.

So begrüßt denn auch Harald Cronauer, Sprecher der Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“, die klare Ansage aus Rom ausdrücklich. Sie begrenze letztlich die „absolutistische Machtausübung mancher Bischöfe“ und deren zum Teil willkürliches Handeln „am grünen Tisch und von oben herab“. Die Verantwortung der Laien und Pfarrer in ihren Pfarreien werde gestärkt und die Mitverantwortung der Gremien und des Volkes Gottes besonders hervorgehoben, findet Cronauer, dessen Initiative gegen die inzwischen von Rom gekippte Trierer Bistumsreform kämpfte.