Der Herr der Sände

Sand ist alltäglich, Sand fällt kaum auf – und ist den meisten Menschen vor allem am Strand willkommen. Ein 50-Jähriger aus Niedersachsen sieht das völlig anders. Er sammelt Sand.

Sand gibt es überall. Also nichts besonderes - oder doch? Jeder Sand ist anders, das macht ihn interessant für Sammler. Ralf Hermann aus dem niedersäsischen Cramme sammelt tatsächlich Sand. Das macht er seit 25 Jahren und weiß inzwischen fast alles darüber. Sein Archiv umfasst 45 000 verschiedene Proben - Sände aller Farben, Körnungen und Herkunftsgebiete, Sände aus fast allen Ländern der Erde, von Gletschern und Wüsten, von Seen und Flüssen, von Meeresböden und unzähligen Inselstränden. "Es ist die größte private Sandsammlung der Welt", betont der 50-Jährige.

Sand gehört auch ins Museum. So hat Hermann die Gründung des Vereins Deutsches Sandmuseum vorangetrieben, dem 70 von geschätzt 500 ernsthaften Sammlern in Europa angehören. Der Verein betreibt das kleine Museum "Sandwelten", das im Obergeschoss von Hermanns Haus in Cramme untergebracht ist. Das Museum zeigt nicht nur die verschiedensten Sände, sondern informiert auch über die industrielle Nutzung des Sandes, über Sandprodukte und Sandkunst, etwa über die religiös begründeten Sandgemälde verschiedener Ethno-Kulturen.

Ein vergleichbares Museum gebe es weltweit nicht, sagt Hermann. Kein Wunder? Das sehen die Mitglieder des Vereins völlig anders. "Wir wollen die Faszination des Sandes auch anderen Menschen nahebringen", erklärt der zweite Vorsitzende, Michael Dietrich aus Sottrum bei Hildesheim. Dietrich hat eine Sammlung von 7200 Sänden. Er hat sich auf Inseln spezialisiert - je kleiner und abgelegener, desto exotischer. So hat er beispielsweise Sand von der Pazifik-Insel Pitcairn, auf die sich 1790 die Meuterer des britischen Schiffes "Bounty" flüchteten.

Der Verein organisiert Treffen mit Exkursionen und Vorträgen, gibt ein englischsprachiges Sand-Journal heraus und betreibt einen Internet-Shop. Hermann: "Wir haben auch Regeln erarbeitet, wie man eine größere Sammlung optimal ordnet und katalogisiert." Seine 45 000 Proben hat er nicht nach Sandarten, sondern nach präzise und detailliert beschriebenen Fundorten geordnet. Viele hat er auch mikroskopisch untersucht und beschrieben.

In seinem Repertoire hat Hermann auch spezielle Sände. So hat er eine Sammlung mit Löschsänden, mit denen vor Jahrhunderten die frische Tinte auf Dokumenten getrocknet wurde. Solche Sände finde man noch heute in alten handgeschriebenen und lange nicht benutzten Schriftstücken. Auf deren Suche haben Hermann und einige Mitstreiter schon so manches Archiv durchstöbert. Inzwischen hat er rund 400 Löschsand-Proben gefunden.

Die meisten Sände hat Hermann selbst auf vielen Reisen gesammelt, andere hat er sich mitbringen lassen. Hier kommen auch "VIP-Sände" ins Spiel. Prominente sollen Sand aus fernen Ländern als Reise-Souvenirs mitbringen. Der Anfang ist bereits gemacht: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat auf Bitten Hermanns eine Probe vom Strand des brasilianischen WM-Quartiers Campo Bahia geliefert.