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Moskaus Doppelstrategie im Syrien-Konflikt

Moskaus Doppelstrategie im Syrien-Konflikt

Vor einer Woche hat Russland seine Luftangriffe in Syrien gestartet. 112 Ziele wurden seit Beginn des Einsatzes angegriffen, sagt Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Doch nun geht Moskau endgültig als entscheidender Akteur in dem Konflikt in Position - mit einer Demonstration militärischer Macht an mehreren Fronten.

Im Westen Syriens halfen russische Kampfflugzeuge gestern den Regierungstruppen erstmals bei einer Bodenoffensive gegen Rebellen. Gleichzeitig griff das russische Militär weiter östlich mit Mittelstreckenraketen die Stellungen der Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) an. Nach Einschätzung eines Experten folgt Russland mit seinem Vorgehen in Syrien einem wohlüberlegten Plan.

Die russischen Luftangriffe konzentrierten sich gestern auf ein Gebiet einige Dutzend Kilometer südlich der türkischen Grenze. In der Grenzprovinz Idlib und in der Region um die Stadt Hama hatten die Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad in jüngster Zeit Rückschläge gegen Rebellenverbände erlitten. Sie kämpfen dort gegen eine Reihe von oppositionellen Milizen, darunter gemäßigte und islamistische Rebellen, sowie die extremistische Al-Nusra-Front. Nun eröffneten die Regierungstruppen eine Gegenoffensive, die nach den russischen Luftschlägen begann. Rebellenpositionen wurden mit Boden-Boden-Raketen beschossen. Unklar blieb zunächst, ob die Regierungsseite auch Bodengewinne erzielen konnte. Klar ist jedoch: Die koordinierten Angriffe auf die Rebellen aus der Luft und vom Boden aus markierten eine neue Stufe der russischen Hilfe für Assad.

Eine weitere Machtdemonstration lieferte Moskau mit einem Raketenangriff auf den IS von Schiffen im Kaspischen Meer aus - rund 1500 Kilometer von den Zielen entfernt. Insgesamt 26 Marschflugkörper sollen elf Positionen der Dschihadisten zerstört haben. Ein vom russischen Verteidigungsministerium freigegebenes Video zeigt, wie in der Dunkelheit Raketen von einem Schiff abgefeuert werden. Dabei wird die Strecke über den Iran und den Irak nach Syrien nachgezeichnet. Damit zeigte die Weltmacht Russland nicht nur ihre militärische Stärke, sondern trat auch dem Eindruck entgegen, dass sie in Syrien überwiegend gemäßigte Gegner Assads angreift statt den IS. Dieser Kritik sieht sich Russland seit dem Beginn seiner Angriffe in Syrien ausgesetzt. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hatte vor Bekanntwerden der gestrigen Raketenangriffe noch gesagt, von 57 russischen Luftangriffen hätten sich 55 gegen gemäßigte Rebellenverbände gerichtet, nur zwei gegen den IS.

Nach Meinung des Istanbuler Politologen Behlül Özkan ist der russischen Regierung tatsächlich daran gelegen, gegen den IS vorzugehen. Russland sorge sich wegen der Gefahr eines erstarkenden islamischen Extremismus auf dem eigenen Gebiet und in anderen Teilen der früheren Sowjetunion, sagte Özkan unserer Zeitung. Allerdings verfolge Moskau in Syrien eine Doppelstrategie, die auch Assad nützen sollte. Zunächst wolle Russland im Rahmen des Kampfes gegen "Terroristen" die vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien ausschalten, um auf diese Weise die Regierung in Damaskus zu stützen, sagte Özkan. Erst wenn dieses Ziel erreicht sei, werde Russland den Westen aufrufen, gemeinsam mit dem russischen Militär gegen den IS vorzugehen.