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Erstmals beteiligen sich saarländische Schüler am Gedenktag  für die Opfer des Nationalsozialismus.

Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus : Wie gehen wir mit unserer Geschichte um?

Erstmals liefern saarländische Schüler einen Beitrag zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

„Und wie geht es uns mit unserer Geschichte?“ Als Marvin Samstel diesen Satz laut vom Blatt vorgelesen hat, hält Katharina Bihler kurz inne. „Was meint Ihr, worauf sollte man die Betonung legen, eher auf ,uns’ oder auf ,Geschichte’“, fragt die Künstlerin von Liquid Penguin in die Runde. Nach kurzer Diskussion entscheiden sich Marvin Samsel (17), Sarah-Estelle Wolff (17) und Luise Alt (14), „uns“ zu betonen. Es geht hier ja um sie, um die junge Generation und ihre Haltung zur Geschichte, zur Erinnerung an den Nationalsozialismus, seine Gräueltaten und die Opfer.

 Am Sonntag, am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, wird sie zum ersten Mal einen Beitrag zur offiziellen Gedenkveranstaltung im Landtag leisten. Im Grunde sind es sogar mehrere Beiträge, denn Schülergruppen aus vier saarländischen Schulen haben sich mit eigenen Werken an dem Programm beteiligt. Samsel, Wolff und Alt werden sie am Sonntag vor den Abgeordneten und Gästen im Landtagsrestaurant vorstellen und die Zwischentexte sprechen. Das will geübt sein, deshalb sitzen sie jetzt mit Katharina Bihler in deren Atelier über ihre Redemanuskripte gebeugt und lesen, streichen, unterstreichen und fomulieren um. Die Idee, Schüler(innen) zu Wort kommen zu lassen, hatte Sabine Graf, die am Landesinstitut für politische Bildung die Aktivitäten im Bereich „Erinnerungsarbeit“ koordiniert. Wenn die Generation der Zeitzeugen wegsterbe, müsse man die Erinnerung ja weiterführen und an die Jungen übertragen, sagt sie. Über die Lehrkräfte, die in der Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit mitwirken, kam die Idee zu den Schülern.

Da der Gedenktag diesmal auf einen Sonntag fällt, wo es kaum möglich ist, Schüler mit Bussen zum Landtag zu bringen, wie die Lehrer gleich warnten, entschloss man sich, sie kurze Audio-Beiträge, Hörstücke, Reportagen, und Videos machen zu lassen, die man mit Hilfe von Liquid Penguin vorproduzieren konnte. Das vermeidet zudem auch Lampenfieber. So hat eine AG des Geschwister-Scholl-Gymnasium Lebach etwa Passanten jeden Alters auf dem Saarbrücker Weihnachtsmarkt angesprochen und sie vor der Kamera gefragt, was ihnen Erinnerung bedeutet. „Wir hatten da tatsächlich einen Mann, der war fest davon überzeugt, Hitler habe nichts Böses getan, damit hatten wir nicht gerechnet“, erinnert sich Luise Alt. Schüler des Saarpfalz-Gymnasiums Homburg wiederum haben ihre Eltern zu ihren Erinnerungen an die Zeit von 1933 bis 1945 interviewt. Ihre Aussagen fließen ein in „Audio-Chats“, in denen sich die Schüler wie beim Chatten im Internet über Geschichte, Fluchterinnerungen oder auch Songs mit Nazi-Anspielungen unterhalten. Um Ideologie und die eigene Haltung geht es in einem Beitrag der Bischöflichen Willi-Graf-Schule.

Mit Antisemitismus in der Musik der NS-Zeit und ihrer heutigen Rezeption hat sich der Musikkurs des Oberstufenzentrums Saarbrücken Mitte auseinandergesetzt, dem auch Wolff und Samsel angehören. Natürlich sei sie ein bisschen nervös, sagt  Sarah-Estelle Wolff. „Aber ich finde es toll, dass uns die Bühne geboten wird, um unsere Meinung auch zu so komplizierten Themen zu äußern.“ Und Samsel findet das Vorhaben auch aus einem weiteren Grund gut: „Man hat ja als Jugendlicher oft das Gefühl, dass die Politiker einem nicht zuhören und da ist der Landtag ein perfekter Ort, um gehört zu werden.“