| 20:31 Uhr

Kindertheater Überzwerg
Bewegte und bewegende Bilder

 Eva Coenen, Sabine Merziger und Gerrit Bernstein sind in „Stromer“ mehr Djs als Schauspieler.
Eva Coenen, Sabine Merziger und Gerrit Bernstein sind in „Stromer“ mehr Djs als Schauspieler. FOTO: Uwe Bellhaeuser
Saarbrücken. Mit dem melancholischen Stück „Stromer“, einer originell animierten Bildergeschichte über einen Obdachlosen, bezaubert das Überzwerg-Theater Kinder und Eltern. Am Sonntag war Uraufführung. Von Esther Brenner
Esther Brenner

Man kann Geschichten laut oder leise, mit Humor und Radau oder aber in ruhigen Bildern und gedämpftem Ton erzählen. So vielfältig eben wie auch die Menschen sind, um die sie sich drehen. Oft funktioniert Kindertheater besonders gut, wenn es witzig ist. Eine echte Herausforderung ist es aber dann, wenn sich Theatermacher einen Stoff vornehmen, der schwierig ist und sich trauen, einer Geschichte ihren melancholischen, traurigen Charakter zu lassen. Das Kinder- und Jugendtheater Überzwerg hat dies jetzt getan, In Koproduktion mit dem Schauspiel Essen und der Compagnie „toit végétal“ – haben die St. Arnualer mit „Stromer“ am Sonntag ein außergewöhnliches, berührendes Stück auf die Bühne gebracht, das die Geschichte eines Obdachlosen erzählt nach dem gleichnamigen Bilderbuch der belgischen Illustratorin Claude K. Dubois und ihrer Tochter Sarah V. Dubois.


Entstanden ist eine Art Live-Performance mit Bildern und Sound-Kulisse. Claude Dubois‘ wunderbar schlichte, auf das Nötigste reduzierte, verschwommene Kohlestift-Illustrationen, dezent koloriert in gelb-beigen, grauen Pastelltönen, werden dafür auf mehrere unterschiedlich große, sich überlagernde weiße und kartonbraune-Platten projiziert. Denn „auf der Platte“ (auf der Straße) spielt schließlich auch die Geschichte von Stromer. Live entsteht dazu der Ton.

Die Bildergeschichte um den alten Mann, der verloren durch die große, anonyme Stadt streunt, friert, hungert, sich ängstigt, erwacht vor den Augen der Zuschauer, die zum großen Teil auf dem Boden sitzen, zum Leben. Stromer hat vergessen wie er heißt und traut sich deshalb nicht mehr in die Wärmestube. Unscheinbar, wie ein Schatten seiner selbst, irrt er durch die Stadt. Die Illustratorin lässt die Konturen verschwimmen und deutet vieles nur an –  Häuser, Autos, den Park. So bleibt genug Raum für eigene Assoziationen der Kinder. Erstaunlich, wie man die Traurigkeit in einem Gesicht mit nur wenigen Strichen sichtbar machen kann.



Die drei Schauspieler Sabine Merziger, Eva Coenen und Gerrit Bernstein die an Tischen am Bühnenrand arbeiten, sind die virtuosen Techniker dieses Stückes. Wie DJs legen sie die Illustrationen unter die Kamera, vergrößern oder verkleinern die Bilder, zeichnen auch selbst. Sie lassen Sand rieseln, um den Regen hörbar zu machen, vor dem der Obdachlose sich in einen warmen Bus flüchtet. Oder versprühen Wasser auf eine Plastikfolie über der Illustration, und erzeugen so echte Regentropfen. Mit ihren Fingern streichen sie über die Illustrationen, die auch mal übereinandergelegt werden, was die Vielschichtigkeit, Komplexität der Stadt mit ihren Häuserschluchten unterstreicht. Es wird auf zwei winzige Fähnchen gepustet, wenn der Wind eiskalt weht und die Einsamkeit des Stromers ans Herz geht. Vor allem Gerrit Bernstein erweist sich als flinker Schauspieler-DJ: Er nimmt Töne von einem Akkordeon und einem mit Gitarrensaiten bespannten Kasten für so genannte „Loopings“ auf – Tonsequenzen, die dann immer wieder eingespielt und ergänzt werden. So hört man beispielsweise den alten Mann durch das Akkordeon schwer atmen. Eine beeindruckende Idee. Und die Gitarren-Saiten schlurfen traurig über den Asphalt. Dazu hat Bernstein die Rolle des Sprechers übernommen, der den sehr reduzierten Text zu den Bildern spricht.

Ganz ruhig und unaufgeregt passiert das alles, aber sehr liebevoll – und hochkonzentriert. Dem Regieteam Christina Hillinger, Sarah Mehlfeld und Thomas Jäkel gelingt es, das schwierige, traurige Thema Obdachlosigkeit in einem wohltuend entschleunigten Objekttheaterstück einem jungen Publikum (ab sechs Jahre) nahe zu bringen, ohne dass es kitschig wirkt. Ein Happy End ist nämlich nicht zu erwarten.

Aber ein Stück Menschlichkeit: Der Obdachlose begegnet am Ende einem kleinen Mädchen, das ihm einen Keks schenkt und ihm einen Namen gibt. „Du siehst aus wie mein Teddy“, sagt die Kleine in ihrem freundlich blass-roten Mäntelchen und hat ein „Lächeln in den Augen“. Mit einem „Lächeln im Herzen“ macht sich der nun nicht mehr namenlose Mann auf in die Wärmestube. Und mit einem wenn auch wehmütigen Lächeln gehen die Zuschauer nach Hause. Wissend, dass sie an vielen Ecken der Stadt Menschen wie diesem Stromer begegnen und meistens weder einen Keks, noch ein gutes Wort oder ein Lächeln für ihn dabei haben.

Weitere Termine und Karten im Internet: www.ueberzwerg.de und unter
Tel. (06 81) 958 28 30.