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Literatur
Leben wir nicht alle wie unter Glas?

Hans Gerhard, nebenbei auch Vorsitzender des Saarländischen Künstlerhauses. 
Hans Gerhard, nebenbei auch Vorsitzender des Saarländischen Künstlerhauses.  FOTO: GUNDELWEIN / Tom Gundelwein
Saarbrücken. Hans Gerhard, Saarbrücker Anwalt und Schriftsteller, legt mit „Mehr Zuhause als ich“ gekonnte Short stories vor. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

„Die Sehnsucht schildert mir dein Bildnis an die Wände / dem zu der Ähnlichkeit nichts als das Leben fehlt.“ Seinem Kurzgeschichtenband „Mehr Zuhause als ich“ hat der Saarbrücker Schriftsteller (und Anwalt) Hans Gerhard diese zwei Verse aus einem Barockgedicht von Johann Christian Günther vorangestellt: Sie sind genauso doppeldeutig, wie es Gerhards raffinierte, meist nur zehn bis 15 Seiten lange Erzählungen sind, in denen Vorstellung und Realität häufig miteinander kollidieren.



Was immer wieder für diese Texte einnimmt – jedenfalls für die meisten, nur zwei, drei dieser Sammlung fallen deutlich ab – ist Gerhards szenisches Geschick: Oft reichen ihm wenige Sätze, um ein Empfinden, eine Situation plastisch vor Augen zu führen. In der gerade mal acht Seiten langen Erzählung „Spielfeldbegrenzung“ etwa – sie erzählt von einem geistig behinderten Jungen, der behördlich nur als lernbehindert gilt – heißt es am Ende über die an deutscher Bürokratie verzweifelnde Mutter des Jungen: „Ich legte meine Hand in seinen Nacken, fühlte seine Haut und starrte durch einen Tränenfilm auf die Tapete hinter ihm, auf den Türrahmen und auf ein Bild an der Wand.“ Ein Satz, der eine ganze Gefühlswelt aufstößt.

Was dieser Prosa zugute kommt, ist Gerhards Verzicht, Szenen auszuwalzen oder immer neue Pirouetten zu drehen. Sparsamkeit der literarischen Mittel kennzeichnet nahezu alle 13 Short Stories. Schon die Auftaktgeschichte „Weißt du, wie viel?“ schildert lediglich den (ziemlich einsilbig verlaufenden) Besuch des Ex-Freunds der Lebensgefährtin von Gerhards Ich-Erzähler, der sein Aquarium abholt. Während der Ex das Wasser ablässt und sich von seiner Verflossenen angiften lässt („Er promoviert gerade über Klopapier“), meditiert ihr neuer Liebhaber über die Frage, warum sich unser Klopapierverbrauch statistisch nicht berechnen lässt. Das Ganze liest sich wie das Protokoll einer banalen Zusammenkunft, die die minimalen Schnittmengen eines heute verbreiteten sozialen Umgangs zeigt. Ist aber fein beobachtet und legt im Vorbeigehen gekonnt ein paar gedankliche Fährten für uns aus.

Ob Gerhard in „Windstille“ einen verunglückten Bootsausflug des Ich-Erzählers mit einem am Tourette-Syndrom leidenden Freund beschreibt oder in „Schlachtverlauf“ den Spleen eines Akademikers, der in einem Sandkasten mit Spielfiguren Schlachtverläufe aus dem Dreißigjährigen Krieg nachstellt und die Front quasi als Reinigungsbad deutet: Die Pointen der Erzählungen werden unmerklich gesetzt – insoweit stellt sich Gerhard erkennbar in die Tradition der amerikanischen Literatur. In „Schlachtverlauf“ etwa besteht der Wendepunkt darin, dass der Freund der Akademikertochter zuletzt als Soldat nach Afghanistan geht. Gab ihr Vater, das Erzähler-Ich, den Anstoß dazu? „Viktoria schien mich verantwortlich zu machen“, liest man. Den Grund versteckt Gerhard in einer Dialogpassage zwischen Vater und Tochterfreund: „,Manchmal denke ich, wir leben hier alle wie unter Glas’, sagte er. ,Vielleicht erleben wir nur im Krieg, was es heißt, um den eigenen Tod zu wissen’, sagte ich.“

Während Gerhard stilistisch zumeist ziemlich gekonnt auf einen emotionslosen, beiläufigen Ton vertraut, dabei aber die Zeitebenen und Figurenperspektiven schroff gegeneinander setzt, ist das thematische Spektrum seiner 13 Stories denkbar weit gefasst: „Don Giovanni“, eine der dichtesten, kreist um einen Theater-Controller, der eine Praktikantin bei Sexspielen filmt und die Aufnahmen ins Netz stellt; „Vera mit gelber Jacke“ hingegen ist eine bürokratische Farce, die von einer absurden Gemäldesuche in einem Rathausarchiv handelt, während „Beckenkontrolle“ eine Zwickmühle aufbaut, die sich wegen fehlender sieben Zentimeter für die Olympiatauglichkeit eines Schwimmbades ergibt. Immer ist die fehlende Verlässlichkeit von allem und jedem der innere Bezugspunkt aller Texte: Erkenntnistheoretisch betrachtet, ist unsere Wahrnehmung äußerst trügerisch. Unter beziehungspsychologischen Vorzeichen sind es unsere Mitmenschen. Und mit Blick auf die Überkomplexität der Geschichte greifen alle üblichen Ursache und Wirkung-Erzählungen zu kurz.



Gerhards Figuren betrachten den Lauf der Dinge insoweit phänomenologisch – Zaungästen der Welt gleich, die um die Vergeblichkeit höheren Sinns wissen. Gleichwohl basteln sie sich ihre eigene kleine Weltordnung: „Ich muss es beherrschen, durch die Zerlegung in kleinere Einheiten“, heißt es programmatisch in „Die Erfindung des Abakus“. Weil die Gesetzmäßigkeiten dieser Einheiten nicht nur logischen Erwägungen, neuronalen Mustern oder chemischen Prozessen folgen, setzt Gerhards erzählerische Entourage (unter seiner hinterlistigen Führung) auf die Wirkungsmacht der Literatur. Sie gründet im Ungefähren, Schwebenden und generiert dabei ergiebige Zwischenwelten. Aller guten Dinge sind drei, geht ein altes Sprichwort. Hier stimmt es: Gerhards dritter Erzählungen-Band ist unterm Strich sein versiertester. Das Kurzgeschichten-Genre, dessen Meister aus Amerika kommen, beherrscht er nun erstaunlich gut.

Hans Gerhard: Mehr Zuhause als ich. Conte, 202 Seiten, 17 €.

Lesung am kommenden Montag um 20 Uhr im Saarländischen Künstlerhaus.

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kul-gerhard2 FOTO: macpro / Conte Verlag