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Maler an der Steilküste

Pont-Aven/Belle-Ile. Die bretonische Landschaft lockte im 19. Jahrhundert französische Impressionisten an. Sie kamen wegen der atemberaubenden Steilküsten und verschlafenen Dörfer. Heute entdecken Touristen die Motive der Maler wieder. Nora Ernst

Im Jahr 1885 konnte man in dem bretonischen Dorf Pont-Aven keinen Schritt mehr tun, "ohne auf eine ausgedrückte Farbtube zu treten" - so schrieb es ein Journalist damals. Tatsächlich hatten seit den 1860er Jahren immer mehr Künstler die Bretagne für sich entdeckt. Die Provinz mutete für die Großstädter exotisch an - mit ihren traditionsbewussten Bewohnern, die täglich ihre Tracht trugen und die bretonische Sprache pflegten. Doch viele Künstler zog es aus ganz profanen Gründen in den nordwestlichsten Zipfel Frankreichs: Das Leben dort war günstig, und seit Erfindung der Eisenbahn reiste man "nur" noch 21 Stunden von Paris nach Quimper, statt wie bisher fünf Tage mit der Kutsche. Und so kamen die Künstler. Sie fanden atemberaubende Motive vor, die heute auch Touristen in ihren Bann ziehen. Steil abfallende, zerklüftete Felsküsten, beschauliche Dörfer und dieses ganz besondere Licht, an manchen Tagen so hell und klar, dass es in den Augen schmerzt. Auch den Maler Paul Gauguin verschlug es 1886 nach Pont-Aven. Mehrere Sommer verbrachte er in dem Mühlendorf und schrieb begeistert von den "fabelhaften Abstufungen, dem göttlichen Funkeln" der Wälder und des Flusses Aven.

Wer heute nach Pont-Aven reist, läuft eher Gefahr bei jedem Schritt in eine Traube von Touristen zu laufen, statt auf eine Farbtube zu treten. Das Dorf schwimmt auf der Gauguin-Welle, eine Kunstgalerie reiht sich an die nächste, auf dem Rathausplatz - natürlich mit Gauguin-Büste - kommen ganze Busladungen japanischer Touristen an.

In der Nebensaison wird es ruhiger, und Besucher bekommen einen Eindruck, wie das Dorf zu Zeiten Gauguins gewesen sein mag. Auf seinen Spuren lässt sich wunderbar durch den Ort wandeln, entlang des glitzernden Flusses Aven, vorbei am kleinen Hafen bis in den "Bois d'Amour", dem Liebeswäldchen, wo Gauguin seinem Freund Paul Sérusier eine Malstunde gab: "Wie sehen Sie diesen Baum? Ist er gelb? Also los, malen Sie gelb, das schönste Gelb Ihrer Palette, und dieser Schatten, ist er nicht eher blau? Nur Mut, malen Sie ihn so blau wie Sie nur können!" Intensive Farben und vereinfachte Formen - hier in Pont-Aven entwickelten Gauguin und andere eine völlig neue Stilrichtung der Malerei: den Synthetismus, der bald als "Schule von Pont-Aven" weltweit bekannt wurde.

Finanziell erfolgreich waren sie damit nicht. Oft mussten sie auf Pump in der Pension Gloanec leben, die heute einen kleinen Buchladen beherbergt. Gauguins Zimmer, ganz oben unterm Dach, können Kunstfreunde bei einer Führung besichtigen.

Auch Claude Monet , den Meister des Impressionismus, zog es in die Bretagne : 1886 verbrachte er drei Monate auf Belle-Ile, der "schönen Insel" vor der bretonischen Halbinsel Quiberon. Monet brauchte einige Zeit, um sich an das raue Wetter und die urtümliche Lebensweise zu gewöhnen.

In einem Brief an seine Freundin klagt er über Ratten, die über sein Bett laufen und das Schwein, das im Stall nebenan grunzt. Auch die Mahlzeiten waren nicht nach seinem Geschmack: Jeden Tag gebe es Hummer, beschwerte er sich - damals ein Arme-Leute-Essen der Fischer. Die Pension, in der er unterkam, steht noch heute - ein unscheinbares rosafarbenes Haus in dem kleinen Ort Kervilahouen, nahe des "Grand Phare", des großen Leuchtturms. Heute ist die ehemalige Pension ein Privathaus, das an Feriengäste vermietet wird - nichts deutet auf den berühmten Gast hin. "Die Besitzer wollen ihre Gäste nicht durch gaffende Touristen belästigen", erklärt Lucette Leroy von der Historischen Gesellschaft von Belle-Ile mit einem Lächeln.

Trotz der widrigen Bedingungen malte Monet wie ein Besessener: 39 Bilder entstehen in diesen drei Monaten. Ganz gleich, ob es regnete oder stürmte, jeden Tag stand Monet an der schroff abfallenden, schwarzen Steilküste und malte das aufgewühlte Meer. "Der Wind riss ihm beinahe den Pinsel aus der Hand, aber er trotzte dem Unwetter", sagt Leroy. Allein von den "Aiguilles du Port Coton", den Felsnadeln unweit des Leuchtturms, malte er sechs Versionen. Es ist nicht schwer zu verstehen, was Monet an der Insel so faszinierte: Sie ist von einer rauen, wilden Schönheit, das Inselinnere von Ginster und windgepeitschtem Heideland überwuchert, die bedrohlich schwarze Felsküste, die metertief ins tosende Meer abfällt und dahinter die unendliche Weite des Meeres.

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