„Schönheit verkauft sich nun mal gut“

„Schönheit verkauft sich nun mal gut“

Immer wieder ergänzen sich im Automobilbau deutsche Technik und italienisches Design prächtig. Das gilt nicht nur für den bahnbrechenden VW Golf I von 1974, sondern auch für Modelle von Audi, BMW und Mercedes.

Giorgetto Giugiaro hat den VW-Konzern aus der Krise geholt.
Bruno Sacco prägte viele Jahre lang das Design bei Mercedes.
Walter de Silva war bis November Chefdesigner bei VW.
Den Bestseller VW Golf I hat Giugiaro gezeichnet.
Der von Sacco entworfene C111 wurde Kult, aber nie produziert.
Der Audi A5 gilt als de Silvas absolutes Meisterstück.

"Wir wollen, dass Sie uns einen Nachfolger für den Käfer zeichnen." Mit diesen Worten wendet sich 1970 Volkswagen-Vorstand Kurt Lotz an den Turiner Designer Giorgetto Giugiaro. Acht Monate später erhält Giugiaro den Zuschlag, das Design der ersten Golf-Generation zu entwerfen. Von sechs favorisierten Golf-Entwürfen stammen vier aus Giugiaros kreativer Feder - der Grundstein für die kommende fruchtbare Zusammenarbeit ist gelegt.

Für Giugiaros junge Firma Italdesign bedeutet dies eine gigantische Chance. VW steht zu der Zeit auf der Kippe. Auf den veralteten Käfer muss unbedingt ein Erfolgsmodell folgen. Der kreative Italiener wird zum entscheidenden Gestalter von VWs künftiger Formensprache. Geradlinig und schnörkellos zeichnet er nicht nur den so erfolgreichen ersten Golf, sondern auch die folgenden Modelle Passat und Scirocco.

Zwischen Mai 1974 und 1983 werden 6,8 Millionen VW Golf I vom Band rollen. Großen Anteil am Erfolg haben im Vergleich zum Käfer zwar auch technische Neuerungen wie Front- statt Heckantrieb und Reihen- statt Boxermotor. Aber vor allem die in Italien kreierte Optik. "Sachliches Design statt verspielter Rundungen", wie Volkswagen es rückblickend auf den Punkt bringt. Design-Merkmale des Golf I sind bis heute beim Golf VII erhalten, allen voran die typische breite Dachsäule zwischen Seitenfenster und Heckscheibe.

Giorgetto Giugiaro, der auch automobile Meisterwerke wie Maserati Bora, DeLorean DMC-12 oder Lotus Esprit entwarf, modellierte damals den Bestseller im Einklang mit den technischen Vorgaben aus Wolfsburg. "Das neue Massenauto sollte ein moderner Kompakter mit Heckklappe sein, eben variabel, dem neuen Trend entsprechend. Das hat man bei Volkswagen damals richtig erkannt", erinnert sich der Designer. Die damals entstandene piemontesisch-niedersächsische Freundschaft soll noch lange währen. Am 25. Mai 2010 übernimmt der Volkswagen-Konzern die Mehrheit an Giugiaros Firma Italdesing.

Ein weiterer Desing-Coup Giugiaros für eine andere deutsche Marke ist der BMW M1 von 1978. Den 277 PS starken Supersportwagen entwickelt er auf Basis des Prototypen BMW Turbo von 1972. Giugiaro zeichnet den deutschen Supersportler allerdings sachlicher, als es BMW-Chefdesigner Paul Bracq eigentlich vorgibt; so entfallen etwa die Flügeltüren des Turbo. Wie schon beim Golf I hält der Norditaliener abermals an seiner Grundlinie fest, nur diesmal in einem völlig anderen Segment: aufs Wesentliche reduzierte Formgebung, scharfe Kanten, klare Linien. 1999 wählen 120 internationale Experten Giorgetto Giugiaro in Las Vegas zum "Designer des Jahrhunderts". Die deutschen Autos aus seiner Feder tragen dazu bei.

Deutsche Perfektion und italienische Kreativität ergänzen sich bereits 1955 perfekt beim Karmann Ghia. Der "Käfer im Sportdress" (so Volkswagen) basiert auf der bewährten Technik des Wolfsburger Bestsellers, erhält aber sein Äußeres von der italienischen Design-Schmiede Carrozzeria Ghia in Turin . Ein Verkaufsprospekt bringt das deutsch-italienische Erfolgsgeheimnis im August 1971 blumig auf den Punkt: "Und weil der Karmann Ghia eine der besten italienischen Formen hat, die es in Deutschland gibt, glauben wir auch, dass eine gewisse Art von Leuten ihn deshalb haben möchte. Schönheit verkauft sich nun mal gut."

Ab Mai 2003 beglückt der Klein-Roadster Ford Street-Ka eine überschaubare, aber überzeugte Fangemeinde. Er ist ein weiteres Beispiel dafür, wie gut sich italienisches Design und deutsche Technik ergänzen. Gebaut wird er in den Turiner Werkshallen von Ferraris Haus-und-Hof-Designer Pininfarina. Die ungewöhnliche Form der offenen Knutschkugel geht zurück auf die Studie "Saetta", die Carrozzeria Ghia bereits 1996 für Ford gezeichnet hatte. Sieben Jahre später folgt die Serienfertigung. Im Juli 2005 verdrängt allerdings die Produktion des neuen Focus Cabriolets den extravaganten Street-Ka, der eingestellt wird.

Ein weiterer Italiener prägte von 1958 bis 1999 das Erscheinungsbild der deutschen Premium-Marke Mercedes-Benz : der in Udine geborene Designer Bruno Sacco. "Gutes Design erhält man durch das Fehlen von Schnickschnack." Für diese Leitlinie Saccos stehen automobile Meilensteine wie die zweite S-Klasse (W 126 von 1979) oder der erste SLK (1996). Aber auch der C111. Er ist 1969 der erste Mercedes, der maßgeblich aus der Feder von Sacco stammt. Er wird zwar nie käuflich sein, trotzdem macht das enorme Publikumsinteresse den windschnittigen Flügeltürer zu einem der Traumwagen der 1970er-Jahre.

Kein schneller Flirt, sondern eine feste Beziehung einte den deutschen VW-Konzern und den 1951 in Lecco am Comer See geborenen Walter de Silva. Aufgrund seiner großen Erfolge für Alfa Romeo holte ihn Ferdinand Piëch 1999 zur Tochtermarke Seat , später wechselte er zu Audi . Schließlich war de Silva für das Design der gesamten Volkswagen-AG verantwortlich. Sein Meisterstück lieferte er 2007 für Audi ab. Er selbst sagt: "Der Audi A5 ist das schönstes Auto, das ich in meiner gesamten Karriere gestaltet habe."

Einfachheit und Eleganz bezeichnet Walter de Silva, seit Ende November im Ruhestand, als den roten Faden, der sich durch sein Schaffen ziehe. Audis "Vorsprung durch Technik" vereine sich im eleganten Audi-Coupé mit jener Schönheit, auf die man in Italien seit jeher so großen Wert lege.

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