Täglich eine Dosis Sonnenschein

Täglich eine Dosis Sonnenschein

Seit den 1980er Jahren ist in Deutschland der Hautkrebs auf dem Vormarsch, in den westlichen Industrienationen haben sich nach Angaben des Robert-Koch-Instituts die Erkrankungsraten des gefährlichen Malignen Melanoms verdreifacht. Pro Jahr werden in Deutschland rund 28 000 Fälle gezählt.

Heute lernt schon der Nachwuchs im Kindergarten, sich im Sommer nicht schutzlos der Sonne auszusetzen, die Verbände der Kosmetikindustrie beantworten in Internetforen Fragen wie "Werde ich mit Lichtschutzfaktor 50 noch braun?", und der Berufsverband der Dermatologen warnt unter der Überschrift "Wenn Wolken zum Brennglas werden" vor Sonnenbrand. Ist also Sonnenlicht schädlich, die UV-Belastung der Haut gefährlich, macht die ungefilterte Sonnenstrahlung krank?

"Stopp", antwortet Professor Dr. Jörg Reichrath. Der stellvertretende Direktor der Dermatologischen Klinik der Saar-Uni in Homburg rechnet sich einer kleinen, aber wachsenden Gruppe von Forschern zu, die der ausschließlich unter dem Aspekt Hautkrebs geführten UV-Diskussion kritisch gegenüberstehen. "Das ist eine Schwarz-Weiß-Diskussion", so Reichrath. Der Dermatologe plädiert für eine differenziertere Betrachtung.

Die Annahme, dass Menschen sich grundsätzlich vor UV-Strahlung schützen müssten, sei falsch. "Auch wer als Kind regelmäßig in der Sonne war und keinen Sonnenbrand hatte, muss sich keine vermehrten Sorgen wegen des schwarzen Hautkrebses machen." Auf lange Sicht erhöhe UV-Strahlung allerdings das Risiko, im Alter am sogenannten hellen Hautkrebs zu erkranken.

Reichrath betrachtet das Thema UV-Strahlung in anderem Licht. Der Dermatologe erforscht den Vitamin-D-Stoffwechsel der Haut, bei dem Sonnenstrahlung eine entscheidende Rolle spielt. Vitamin D gehört neben der Folsäure zu den wenigen Vitaminen, an denen auf den reich gedeckten Tischen in Deutschland Mangel herrscht. Außer in Lebertran kommt die Substanz vor allem in fettem Fisch vor. Rund 300 Gramm pro Tag wären nötig, so Reichrath. Das ist fast das Zehnfache des Verbrauchs an Fisch und Meeresfrüchten. Da nimmt es nicht Wunder, dass nach einer Statistik des Bundesforschungsinstituts für Ernährung und Lebensmittel 80 bis 90 Prozent der Deutschen zu wenig des Vitamins mit der Nahrung aufnehmen. Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass 60 Prozent zu wenig Vitamin D im Blut haben.

Doch über die Frage, wie riskant das ist, streiten die Experten. Dass Vitamin D wichtig für den Knochenaufbau ist, ist lange bekannt. Mittlerweile gilt es aber auch als Schutzfaktor bei vielen Krankheiten, inklusive einiger Krebsarten. Außer Vitamin-Tabletten gibt es bisher nur eine Methode, einen Mangel zu vermeiden: UV-B-Licht. Denn Vitamin D wird bei Sonnenbestrahlung in der Haut gebildet.

Die positive Wirkung des Sonnenlichts ist seit einem Jahrhundert bekannt. 1903 erhielt der dänische Arzt Niels Ryberg Finsen den Nobelpreis für Forschungen zur Infektabwehr durch konzentrierte Lichtstrahlung. Dabei entsteht in den Zellen unter Einfluss von Vitamin D eine wie ein Antibiotikum wirkende Substanz. Bekannt sei aus US-Studien jener Zeit auch, so Reichrath, dass in Regionen mit hoher Hautkrebs-Rate andere Tumore seltener sind. Doch erst seit den 1980er Jahren würden Zusammenhänge zwischen UV-B-Licht, Vitamin D und verschiedenen Krankheiten genauer untersucht.

Der Frage, welche Effekte Vitamin D auf den Stoffwechsel hat, geht zum Beispiel das Krebsforschungszentrum (DKFZ) Heidelberg nach. Es wertet Daten der saarländischen Esther-Studie mit 10 000 Teilnehmern aus. Das DKFZ kam darin 2013 zum Ergebnis, dass Menschen, die zu wenig Vitamin D im Blut haben, vorzeitig an Krankheiten der Atemwege, des Herz-Kreislauf-Systems und an Krebs sterben. Und aus einer Studie der Saar-Uni ist bekannt, dass Vitamin-D-Mangel den Erfolg einer Antikörper-Therapie bei Lymphom-Patienten gefährdet.

Für Jörg Reichrath greift deshalb die derzeit vor allem unter dem Aspekt der Hautkrebs-Vorsorge von den Dermatologen-Verbänden dominierte UV-Diskussion zu kurz. "Ein kurzes Sonnenbad, das keinen Sonnenbrand auslöst, erhöht auch nicht das Risiko für den schwarzen Hautkrebs." Er sieht dagegen in unseren Breiten im Vitamin-D-Mangel durch zu wenig Sonnenlicht das größere Risiko und seine Ansicht durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt. Seit der Jahrtausendwende zeigten Forschungsergebnisse, dass die Umwandlung der Vitamin-D-Vorstufen in die biologisch aktive Form des Hormons im Körper nicht nur wie früher angenommen in Leber und Niere erfolge, sondern dass fast alle Organe beteiligt seien. Vitamin D werde im Körper in mehreren Organen für unterschiedliche Zwecke genutzt, vom Immunsystem über die Bauchspeicheldrüse bis zur Blutdruckregelung. Für Jörg Reichrath ist deshalb klar: Das UV-B-Licht der Sonne ist wichtig für die Gesundheit. Erst im Übermaß wird es gefährlich. "Ich stelle nicht die Tatsache in Frage, dass zu viel UV-Strahlung Hautkrebs auslöst." Doch was ist die gesunde Dosis? Darauf fällt selbst Fachleuten die Antwort schwer, weil die Experten untereinander zerstritten sind. Es gebe leider bis heute keine wirklich belastbaren Forschungsergebnisse zu diesem Thema, bedauert Jörg Reichrath, und damit auch keine Antwort auf die Frage, ab wann ein Vitamin-D-Mangel mit Tabletten behandelt werden muss.

Reichrath empfiehlt die tägliche Vitamin-D-Pille mit 1000 bis 2000 Internationalen Einheiten vor allem für Ältere, die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie wiederum spricht sich gegen eine generelle Empfehlung aus. Sie will bis 2016 warten, wenn mit neuen Forschungsergebnissen zu rechnen ist. Das Krebsforschungszentrum will vor einer Festlegung ebenfalls noch abwarten und empfiehlt stattdessen, von März bis Oktober "wohldosiert Sonne zu tanken".

Die richtige Dosis berechne sich dabei, so Jörg Reichrath, nach folgender Formel: "Ideal ist es, drei- bis viermal pro Woche zum Beispiel Gesicht, Hände und Arme ein Drittel der Zeit der Sonne auszusetzen, die verstreichen würde bis die Haut sich rötet." Doch das sei eine Dosis, die im unterbelichteten Deutschland im Winter niemand erreiche.

Zum Thema:

HintergrundJedes Jahr erkranken in Deutschland 234 000 Menschen an Hautkrebs, so die Deutsche Krebshilfe, davon 206 000 an weißem Hautkrebs. Der besonders gefährliche schwarze Hautkrebs trifft jährlich 28 000 Menschen, 3000 sterben daran. Weißer Hautkrebs entsteht meist in Körperregionen, die der Sonne ausgesetzt sind. Das Maligne Melanom tritt dagegen häufig an bedeckten Körperstellen auf, so die Krebshilfe. np

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