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Radsport-WM in Innsbruck
Zwei Zimmernachbarn hoffen auf Medaillen

Die beiden Deutschen Maximilian Schachmann (links) und Tony Martin sehen sich im heutigen Einzelzeitfahren bei der Rad-WM in Innsbruck nicht als Konkurrenten. Beide hoffen auf einen vorderen Platz.
Die beiden Deutschen Maximilian Schachmann (links) und Tony Martin sehen sich im heutigen Einzelzeitfahren bei der Rad-WM in Innsbruck nicht als Konkurrenten. Beide hoffen auf einen vorderen Platz. FOTO: dpa / arifoto UG
Innsbruck. Tony Martin und Maximilian Schachmann wollen heute bei der Rad-WM im Einzelzeitfahren Edelmetall gewinnen. sid

Als im Nebenraum der Jägerstube des deutschen Mannschaftshotels „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ erklingt, muss Maximilian Schachmann schmunzeln. „Es ist doch schön, wenn die Leute fröhlich sind“, sagt der Berliner, der gemeinsam mit dem viermaligen Weltmeister Tony Martin dafür sorgen soll, dass heute Abend auch der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) zur Oktoberfest-Zeit in Feierlaune ist.


Der erfahrene Martin gilt noch immer als der deutsche Referenzpunkt im Einzelzeitfahren, und der 33-Jährige wird es wohl auch beim ersten großen Höhepunkt der WM in Innsbruck sein. Doch Schachmann, der Senkrechtstarter der Saison, rückt näher. „Max ist eines der größten deutschen Talente mit sehr viel Potenzial nach oben“, urteilt Martin. Er traut dem Weltmeister im Teamzeitfahren einen Top-Fünf-Rang im Kampf gegen die Uhr zu.

Für Martin selbst wäre das freilich nicht genug. Auch wenn die Entscheidung über WM-Gold auf dem 52,1 Kilometer langen Kurs wohl zwischen dem Australier Rohan Dennis und Titelverteidiger Tom Dumoulin aus den Niederlanden fallen wird, Bronze soll es schon sein. „Ich fahre hier nicht um Platz vier, fünf oder sechs“, sagt der Wahl-Schweizer, der sich von seinem Wirbelbruch bei der Tour de France gut erholt hat: „Alles bestens. Ich verstecke mich nicht hinter meiner Verletzung.“



Martin fühlt sich konkurrenzfähig. Es stellt sich aber die Frage, ob er es auch am fast fünf Kilometer langen Anstieg hinauf zum Dörfchen Gnadenwald ist, der den komplizierten zweiten Streckenteil einleitet. 2017 in Bergen/Norwegen stand nach einer Klettertour zum Ziel auf dem Floyen nur Rang neun. „Ich denke, es ist nicht unmöglich“, meint Martin, auch wenn der bergige Abschnitt ihm überhaupt nicht entgegenkomme. Bei Schachmann ist das anders, er könnte gerade dort Zeit herausfahren.

Die richtige Taktik hätten die Zimmerkollegen am Dienstag vor dem Einschlafen besprechen können, denn als Konkurrenten sehen sie sich keineswegs. „Wir versuchen uns gegenseitig zu helfen, so gut es geht“, erzählt Schachmann, der davor warnt, Martin voreilig abzuschreiben: „Er ist immer noch ein sehr, sehr starker Rennfahrer, ich habe den allergrößten Respekt.“

Ohnehin verbindet die deutschen WM-Starter einiges. Schachmann und Martin werden von Manager Jörg Werner betreut, sind daher stets in einem regen Austausch. Und dieses Jahr waren beide im Sommer auch auf Teamsuche. Während Schachmanns Wechsel zu Bora-hansgrohe bereits offiziell ist, steht dies bei Martin noch aus. Nur noch Kleinigkeiten seien zu regeln, und es ist in der Branche ein schlecht gehütetes Geheimnis, dass es Martin zur niederländischen Mannschaft LottoNL-Jumbo zieht. Für zwei Jahre habe er sich gebunden, so viel darf er sagen, bei welchem Team nicht. Aber somit ist auch die Planung bis Olympia 2020 in Tokio gesichert. Die Titelkämpfe in Innsbruck hat Martin akribisch vorbereitet, war erstmals schon im April zur Streckeninspektion in Tirol.

Martin hat alles Mögliche getan. Dass Tour-Sieger Geraint Thomas, Chris Froome (beide Großbritannien) und Primoz Roglic (Slowenien) fehlen, ist zudem kein Nachteil. „Tony“, sagte Schachmann noch, „ist für Überraschungen gut.“

Im Einzelzeitfahren der Frauen landeten die Deutschen gestern weit hinten: Trixi Worrack aus Cottbus wurde 15., Lisa Brennauer aus Kempten 14. Über 27,7 Kilometer gab es einen niederländischen Dreifachsieg: Hinter der neuen und alten Weltmeisterin Annemiek van Vleuten holten Anna van den Breggen Silber und Ellen van Dijk Bronze.