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"Football ist eine Lebenseinstellung"

"Football ist eine Lebenseinstellung"

Herr Scherer, die Saarland Hurricanes sind seit Monaten in der Vorbereitung auf die Saison 2010. Wie sehen Sie die aktuelle Verfassung ihrer Mannschaft?Thorsten Scherer: Wir haben im Winter eine ganze Menge Neulinge ins Training locken können. Football scheint gerade in Saarbrücken durchaus attraktiv zu sein, wir hatten in der Vorbereitung einen Kader von über 60 Leuten

Herr Scherer, die Saarland Hurricanes sind seit Monaten in der Vorbereitung auf die Saison 2010. Wie sehen Sie die aktuelle Verfassung ihrer Mannschaft?

Thorsten Scherer: Wir haben im Winter eine ganze Menge Neulinge ins Training locken können. Football scheint gerade in Saarbrücken durchaus attraktiv zu sein, wir hatten in der Vorbereitung einen Kader von über 60 Leuten. Selbst zu Bundesligazeiten waren wir mitunter an Spieltagen gerade mal 30. Der Fitnesszustand der Mannschaft ist hervorragend. Die Jungs haben sich über den Winter wirklich gut fit gehalten. Die Mannschaft ist kurz vor dem Saisonstart sehr motiviert, es ist eine ganze Menge Talent da, aber das Testspiel gegen Schwäbisch-Hall (10:56, Anm. d. Redaktion) hat uns auch gezeigt, dass wir noch eine Menge Arbeit vor uns haben.

Wie kommt es dazu, dass heute in der 2. Liga doppelt so viele Spieler zu den Canes gehören als noch vor ein paar Jahren in der höchsten deutschen Spielklasse?

Scherer: Weil ich ein Weltklasse-Trainer bin (lacht). Aber Spaß beiseite. Das hat mit Sicherheit damit zu tun, dass die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins durchaus Früchte trägt. Wir bieten neben einem sehr attraktiven Sport auch ein attraktives Programm. Wenn wir im Ludwigspark spielen, ziehen wir Zuschauer aus allen Gesellschaftsschichten an. Das liegt natürlich daran, dass Football generell, durch Amerika propagiert, populär geworden ist und noch populärer wird. Die Randsportart American Football gewinnt mehr und mehr an Attraktivität, auch dadurch, dass sie immer mehr in den Medien präsent ist. Der Oscar für die beste Hauptdarstellerin ging dieses Jahr an einen Football-Film (Sandra Bullock in "The blind side", Anm. der Red.). Auch das zeigt, dass diese Sportart durchaus ein Thema ist.

Im vergangenen Jahr wurde die Meisterschaft 2010 als Ziel formuliert. Welches Ziel haben Sie jetzt kurz vor dem Start?

Scherer: Mein Saisonziel ist zum einen, alle gesund durch die Saison zu bringen. Und zum andere, ganz oben mitzuspielen. Der große Favorit sind wohl wieder die Franken Knights, und die gilt es zu schlagen.

Was fehlt den Canes momentan zur Bundesliga-Tauglichkeit?

Scherer: Den Canes fehlt vor allem Erfahrung. Wie schon gesagt, gehen wir mit sehr vielen Neulingen an den Start. Und um ganz oben mitzumischen, braucht man Erfahrung. Die kann man ja nicht einfach so im Training lernen, sondern die muss man im Spiel selbst machen. Es kann also durchaus noch ein oder zwei Saisons dauern, bis diese Erfahrung da ist. Wenn die da ist, braucht es vor allem Durchhaltevermögen und die Möglichkeit, das eigene Leben so mit diesem Sport in Einklang zu bringen, dass man oben mitspielen kann

So wie Sie es in Ihrer Zeit als Spieler verinnerlicht hatten?

Scherer: Genau. Das ist hier ja nicht "ein Dorf spielt Football" oder "Ich komme heut mal ins Training, aber morgen nicht". Man muss wirklich Prioritäten setzen. Mir ist vollkommen bewusst, dass wir alle Amateure sind und keiner von uns damit sein Geld verdient. Aber das klappt auf diesem Level sonst nicht.

Sie bezeichnen American Football selbst noch als Randsportart. Welchen Stellenwert hat dieser Sport aus Ihrer Sicht deutschlandweit? Steckt er noch in Kinderschuhen?

Scherer: Ich weiß nicht genau, ob er noch in den Kinderschuhen steckt. Es hängt vieles von den Rahmenbedingungen ab, die dem deutschen Footballverband auferlegt werden. Vor allem im Bereich der Infrastruktur. Das kommt ganz einfach daher, dass andere Sportarten viel mehr im Vordergrund stehen. Und deshalb ist es für einen Randsport schwierig, sich zu etablieren.

Beim Thema Infrastruktur sind wir bei einer aktuellen Canes-Thematik: Der Verein will aus dem ihm eigenen Hartplatz am Matzenberg einen Football-Kunstrasenplatz machen. Was versprechen Sie sich als Trainer von diesem Vorhaben?

Scherer: Ich habe ja schon vor meiner Trainertätigkeit auch als Spieler mein Dasein bei den Canes gefristet. Und seit ich dabei bin, hatten die Canes noch nie zwei Jahre hintereinander die gleiche Trainingsstätte. Wir hatten auch nie ein eigenes Clubheim. Die für einen Verein wichtigen sozialen Gefüge, die sich durch solche Dinge ergeben, fehlen den Canes. Das Vereinsleben an sich ist nicht präsent. Es wäre ein riesiger Schritt nach vorne, wenn wir jetzt einen festen Trainingsplatz hätten, auf dem wir bei jeder Witterung trainieren können und einen festen Treffpunkt für alle Vereinsmitglieder hätten.

Sie sind nun schon lange dabei und haben mit diesem Verein schon so einiges erlebt. Welches sind Ihre schönsten, welches Ihre schlimmsten Erinnerungen?

Scherer: Einer meiner größten Erfolge war der Aufstieg in die Bundesliga, als wir nach der Meisterschaft in der 2. Liga den Landsberger Express im Relegationsspiel von der Platte geputzt haben. Der Sieg war so deutlich, dass die zum Rückspiel gar nicht mehr angetreten sind. In der Bundesliga haben wir dann aber schnell gemerkt, dass dort ein anderer Wind weht. Der sportliche Höhepunkt mit den Canes war das Erreichen des vierten Platzes in der Bundesliga und damit die Teilnahme am Playoff-Viertelfinale 2005 unter Coach Kirk Heidelberg. Unser Gegner war damals der amtierende Meister Braunschweig Lions. Wir haben uns achtbar geschlagen und sind nur knapp ausgeschieden. Das für mich persönlich schlimmste Erlebnis war der Abstieg in die 2. Liga nur zwei Jahre später. Ich selbst war damals verletzt, konnte in den Relegationsspielen nicht helfen, und die gingen dann auch sang- und klanglos verloren. Die Knieverletzung war dann leider so schlimm, dass ich meine Spielerkarriere beenden musste und in die Schuhe des Trainers schlüpfen musste . . . und wollte (grinst).

Neben der Freizeit haben Sie also auch Ihr Knie dem Football geopfert. Warum tut man sich so etwas an?

Scherer: Football ist nicht einfach nur ein Sport, Football ist eine Lebenseinstellung. Da gehört 'ne ganze Menge dazu. Es fängt schon damit an, wie man seinen Tagesablauf strukturiert. Es hat auch viel mit der Achtung und dem Respekt vor dem eigenen Körper und auch vor dem Gegner zu tun. Die Art und Weise, wie man im Football auf Probleme zugeht, kann man auch auf sein Leben übertragen. Und das ist einfach eine Lebenseinstellung, die mir von Anfang an wahnsinnig gut gefallen hat, an der ich gewachsen bin und die ich in mich aufgesogen habe.

Wie lässt es sich als passionierter, aber nicht hauptberuflicher Football-Trainer mit der Arbeit koordinieren?

Scherer: Also das klappt sicher nicht bei jedem. Ich habe eine wahnsinnig verständnisvolle Frau, die mich in allen Bereichen unterstützt. Außerdem habe ich einen Job, der mir diese Tätigkeit auch zeitlich ermöglicht. Als Sport- und Englischlehrer habe ich die beiden wichtigsten Voraussetzungen, die man für das Footballspielen braucht, perfekt miteinander vereint. Es ist zwar natürlich nicht leicht, aber es lässt sich zum Glück ganz gut unter einen Hut bringen.

Inwieweit fließt Football in Ihren Sportunterricht ein? Wird in Homburg fleißig rekrutiert?

Scherer: Rekrutieren wäre schön, aber die Kinder und Jugendlichen kommen halt aus dem Raum Homburg und hätten von daher einen relativ weiten Anfahrtsweg zum Training. Football ist durchaus Bestandteil in meinem Unterricht. Wenn ich einen Oberstufenkurs habe, biete ich immer eine Einheit Flag-Football, also die körperlose Variante, an. Und auch in den unteren Klassenstufen wird der Football auch mal als Spielgerät vorgestellt. Das Ei hat natürlich ganz andere Rolleigenschaften als ein gewöhnlicher Tennis- oder Fußball. Das ist mitunter sehr interessant für die Kids.

Wo sehen Sie sich und die Canes in zehn Jahren?

Scherer: Ich war nie so ein Typ, der sich um Präsidenten- oder Vorstandsämter gerissen hat, das ist für mich zu viel Politik. Und da kann ich nix mit anfangen. Ich sehe mich in zehn Jahren durchaus noch im Traineramt. Vielleicht auch noch in einer Senioren-Flag-Footballmannschaft als Spieler, falls es so etwas künftig gibt. Ansonsten hoffe ich, dass wir mit der Mannschaft in unserem Clubheim an unserem Kunstrasenplatz sitzen und uns auf die Saison 2020 vorbereiten.

Auf einen Blick

Die Saisontermine der Saarland Hurricanes in der 2. Bundesliga Süd: Hanau Hornets (Auswärtsspiel/9. Mai), Rhein-Neckar Bandits (Heimspiel/15. Mai), Darmstadt Diamonds (A/22. Mai), Wiesbaden Phantoms (H/29. Mai), Franken Knights (A/5. Juni), Holzgerlingen Twister (H/12. Juni), Wiesbaden Phantoms (A/19. Juni), Franken Knights (H/26. Juni), Kaiserslautern Pikes (A/3. Juli), Hanau Hornets (H/7. August), Holzgerlingen Twister (A/15. August), Kaiserslautern Pikes (H/21. August), Rhein-Neckar Bandits (A/28. August). Darmstadt Diamonds (H/4. September). red