Mächtiger Yeti lässt St. Wendel erschauern

Mächtiger Yeti lässt St. Wendel erschauern

Von allen bösen Geistern waren Kinder bereits am Sonntag besessen. Der Saalbau in St. Wendel war bei der Nachwuchs-Halloween-Party ausverkauft. Kein Wunder: Es schaute ein Magier aus der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei vorbei.

Ist das so schön eklig, wenn die Kreisstadt St. Wendel ihre schwarze Seele nach außen kehrt. Der Kämmerer blickt mit düsterer Miene aus dem Fenster des schummrig beleuchteten Rathauses, ihm gruselt es vor den Finanzen der Stadt. Eine Etage tiefer schreckt das schmerzverzerrte Hexengesicht der Bürgerbeauftragten noch die allertreueste Kundschaft ab.

Ein Menschenstau aus Normalsterblichen und Schockgestalten steckt beim vierten Halloween-Stadtfest zwischen Nebelschwaden, Gruft-Geheule von der Basilika bis zum Saalbau fest. Aus der Menge ragt ein baumlanger Yeti heraus, der von einer Neandertalerin begleitet wird. Herr Tod und seine Frau genießen die fiese Abendstimmung, sie haben Ausgang. "Knappe drei Stunden hat es gedauert, bis wir mit der Maskerade fertig waren", berichtet Herr Tod. Immer im Dienst ist der Fährmann des Todes. Normalos mit seinen beiden Enterhaken ins Jenseits zu befördern, sei seine Berufung. Leider war der nicht bei mir", ärgert sich der Fährmann, als ein mit Kunstblut überströmter junger Mann an ihm vorbeischleppt.

Ein Zombie-Rotkäppchen schwärmt von einer unheimlichen Liaison mit ihrem bösen Wolf. Eine Stärkung gefällig. Wie wär's mit rohen oder gebratenen Zombie-Fingern, Fledermaus-Innereien und zur besseren Verdauung einen Becher mit Spucke gebrühten Latte-Geisterstunde?

Mit dem brutalen Schweinekopf, einem albinoartigen Winterdämon und dem schmutzigen Gentleman ist ein furchterregendes Trio unterwegs. "Ich finde, hier sind gar nicht so viele Menschen kostümiert", bedauert der Schweinekopf.

Gut gelaunt rollen drei Geier mit einem Sarg vorbei und stoppen abrupt ihr Fahrt. "In Deutschland soll alle drei Minuten ein Mensch sterben, wir sind für aktive Sterbehilfe", sagt einer der skurrilen Scherzvögel. Das gefiederte Trio wartet deshalb auf den nächsten kreativen Abgang und vertreibt sich mit lustigen Spielchen die Zeit bis zur Leichenfledderei.

Vor der Basilika verliebt sich ein Ninja (Solrak Santana) in eine Fee (Yoka). Mystisch erzählt die Gruppe Fuego Rojo aus Berlin mit Musik, Feuer und Akrobatik eine Fabel von Geheimnis und Magie. Nicht von Halloweenparty-Organisator eingekauft ist das nichtmenschliche Wesen Ork. Aber trotzdem spielt er die Figur aus dem Fantasy-Klassiker Herr der Ringe überragend. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist Ork bereits LARP-Darsteller auf dem Bexbacher Utopion-Gelände. LARP (Live action role playing, zu Deutsch: spontane Schauspielerei) bedeutet eine Live-Rolle zu spielen. "Man kann es auch als Improvisation-Charakterspiel oder historisches Laientheater bezeichnen", erklärt Ork.

Mit leuchtender Maske taucht die bösartige Freiheitsstatue aus dem dystopischen Thriller The Purge-Die Säuberung auf. Halloween ist für sie nur zum Warmlaufen, denn bei einer Purge ist am Tag für zwölf Stunden das Töten erlaubt. Dagegen wirkt Meister Eckhardt mit seinem Kuriositätenkabinett wie ein Softie. Ihn haben die Besucher auf der Bühne wenigstens sehen können, die Jonglage-Show von Christian Dirr an der alten Stadtmauer entdecken nur die Zuschauer in der vorderen Reihe. Als Veranstaltungsplatz ist die Fläche für ein starkes Besucheraufkommen einfach zu eng und zu klein. Locker musizieren Giesbert McGuiness und seine Freunde auf dem Bühnchen am Saalbau.

Gegen 23 Uhr leeren sich Gassen, und die Electric Terror Rangers spielen den "Guns 'n' Roses"-Hit "Paradise City". Ganz zum Schluss heißt es im Refrain "Oh, willst du mich nicht mit nach Hause nehmen?" Es naht die Geisterstunde, der Spuk für die lebenden Toten ist vorbei. > : Lokal-Spezial

Die Feen, Elfen, Zauberer, Skelette und Zombies sitzen noch etwas schüchtern im St. Wendeler Saalbau vor der Bühne. Vor ihnen steht Professor und Zauberer Severus Snape (Martin Mathias). Er sieht aus wie der typische Bösewicht mit seiner Hakennase, fettigen Haaren und einer leisen, aber ölig klingenden Stimme. Zudem hat er noch die Hexe Tati (Tatjana Mathias) dabei. "Ich bin der beste Jongleur der Welt", gibt Snape an. Doch die Kinder merken schnell, mit seinen Tricks ist es nicht weit her. Und aus Snape wird plötzlich Professor Alberus Dumbledore aus der Hogwarts-Zauberschule von Harry Potter .

Mit ihm braut der Nachwuchs einen unheimlichen Zaubertrank. Die Zutaten bestimmen sie selbst. "Kröten, Spinnenbeine, Schlangen und grüner Schleim", rufen sie Dumbledore zu, der alles in einen Topf wirft. Kritisch wird es, als ein Werwolf aufkreuzt, dem Professor den Arm abbeißt. Doch mit Hilfe der Kinder wird der Werwolf verjagt, Dumbledores Arm zurückgezaubert.

In der Pause wird mit den Spinnenfrauen Gabi und Julia im Foyer fleißig gebastelt. Aus Pfeifenreiniger werden Spinnen, Fledermäuse und andere fantasievolle Gruselartikel. Mit dem Berliner Musikpädagogen Michi Vogdt geht es noch einmal rund. Mit den kleinen Gespenstern, Hexen, Vampiren, Spinnen und Monstern singt er von ihm komponierte Halloween-Lieder. Dabei fliegt mal ein Geist durch den Saalbau, oder alle hüpfen wie Raben. Zum Finale grölen alle den Hit "Monsterbacke macht Radau". Und zur Geisterstunde drehen sie noch ihre Runde.

Zombie-Rotkäppchen und ihr böser Wolf.
Musiker Michi Vogdt – rechts oben mit Riesenbrille – animiert kleine Skelette und wandernde Kürbisse zum Mitmachen.
Blutrünstige Krankenschwester ihres Vertrauens.

Abschließend zieht der Fackelumzug vom Saalbau zum Schlossplatz. Auf dem Weg stürmen Kids in die Lokale und fordern lautstark "Süßes oder Saures". Wer traut sich, da schon Nein zu sagen?

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