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Porträt
Über die Respecta ist sie lange hinaus

So arbeitet Barbara Caveng heute: Ein Foto der großen Ausstellung „daHEIM: Einsichten in flüchtige Leben“, die gerade in Berlin zuende ging.
So arbeitet Barbara Caveng heute: Ein Foto der großen Ausstellung „daHEIM: Einsichten in flüchtige Leben“, die gerade in Berlin zuende ging. FOTO: Barbara Caveng
Saarbrücken. Barbara Caveng hat früher in Saarbrücken einige spektakuläre Kunstprojekte gemacht. Heute lebt sie in Berlin.Wir haben sie getroffen.

Ihre Respecta, das riesige Frauen-Ungetüm mit der Waschmaschine im Bauch, ist bei vielen Saarbrückern bis heute unvergessen. Es war eine der heftigsten Kunst-Debatten, die die Stadt jemals hatte – mit Podiumsdiskussionen und Leserbrief-Schlachten. Barbara Caveng lebt nun schon lange in Berlin. Wir wollten  von ihr wissen, was sie heute so macht und haben sie nach ihrem Leben und ihrem Werdegang gefragt.


„Es war eine ziemlich spontane Entscheidung, die alle in meinem Umfeld verblüfft hat“, erklärt Barbara Caveng gleich mal ihr Studium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz. Sie ist heute erfolgreiche Bildende Künstlerin in Berlin, aber in ihrer Kindheit oder Jugend war diese Leidenschaft, die sie heute intensiv lebt, noch nicht sehr ausgeprägt.

In Zürich geboren, hatte Caveng ein großes Interesse an Sprachen und Altphilologie. Nach dem Abitur im Jahr 1982 entschied sie sich dann aber für das Schauspielstudium. „Es war eine wertvolle Ausbildung, sie gab mir das Gefühl, den Körper als Tool, als Werkzeug, zu nutzen. Das ist für jede Kunstrichtung wichtig“, erzählt sie.



Nach ihrem Abschluss erfuhr sie, dass das Saarbrücker Kinder- und Jugendtheater Überzwerg eine Stelle ausgeschrieben hatte. „Ich habe vorgesprochen und wurde genommen. So kam ich nach Saarbrücken“, sagt sie und lacht. Hier war sie auch mit dem Jazzmusiker Christof Mudrich verheiratet, der gemeinsame, längst erwachsene Sohn ist heute hier in der urbanen Kulturszene aktiv.

Allerdings bleibt Barbara Caveng in Saarbrücken nicht sehr lange auf der Bühne. Sehr bald schon tauscht sie die gegen die Kostüm- und Bühnenbildnerei. Und über die Bildnerei kommt sie zu ihrer eigentlichen Berufung, der Kunst. Hier arbeitet sie schon gleich zu Beginn an partizipatorischen Projekten, Installationen, Skulpturen oder Objekten.

In Saarbrücken ist ihre bekannteste Arbeit bis heute die große Respecta-Figur, die vor dem Rathaus stand, mit der rotierenden Waschmaschine im Bauch, dem blinkenden Kronleuchter auf dem Kopf und dem nach oben gereckten Mittelfinger.

„Wir haben damals alle nicht abgesehen, wie provokant sie war, und haben nicht vorausgesehen, was für einen Aufschrei sie verursachen würde“, sagt Barbara Caveng, noch heute verblüfft. Denn die Skulptur entstand im Auftrag der damaligen Frauenbeauftragten in einem Workshop mit fünf weiteren Frauen. Alles ganz legal. Und die Erlaubnis, sie auf dem Rathausplatz aufzustellen, war damals überhaupt kein Problem.

Im Gespräch merkt man aber, dass die Respecta für Barbara Caveng gar kein so wichtiges Projekt war. Da fallen ihr ganz andere ein, wie die Ausstellung „Kein schöner Land“ im Ministerium für Wirtschaft und Finanzen, mit Café-Betrieb und 100 Meter-Modelleisenbahn. Oder ihre Mitternachtsveranstaltungen im Café Schubert. Oder ihre große Ausstellung in der Alten Post. „Das waren alles Aktionen, die einen roten Faden zu meiner heutigen Kunst aufweisen“, erklärt sie.

1996 verlässt Barbara Caveng Saarbrücken, zieht nach Berlin, sucht neue Herausforderungen und Inspirationen. Aber die Zeit in Saarbrücken ist ihr bis heute in guter Erinnerung. „Ich fühle mich mit der Stadt sehr verbunden, denn hier hatte ich die Möglichkeit, mich künstlerisch zu finden und auszutoben. Und ich wurde immer unterstützt. Es war der Beginn meines künstlerischen Wegs.“

In Berlin wohnt sie bis heute, auch wenn Stipendien und Projekte sie in den letzten Jahren durch die ganze Welt geführt haben. „Ich konnte in Moskau, Norwegen, Korea, in Syrien, auf Lampedusa arbeiten. Das Projekt ,Mi kricht hier kenner mehr wech’ im Jahr 2013 im Dorf Blankensee an der deutsch-polnischen Grenze wurde vom Fernsehsender Arte begleitet“, berichtet sie.

Und dann beginnt sie von ihrem letzten Projekt zu erzählen, noch ganz nah an den Erlebnissen. „Anfang 2015 habe ich das Projekt Kunstasyl gegründet, eine Initiative von Künstlern, Kreativen und Asylsuchenden. Mein Team und ich haben ein Jahr lang unseren Lebensmittelpunkt in eine Berliner Gemeinschaftsunterkunft für Asylsuchende verlegt“.

Die Gemeinschaft, die sich dort gebildet hat, entwickelte 2016 während vier Monaten in einem offenen Prozess  im Museum Europäischer Kulturen in Berlin eine Ausstellung auf 600 Quadratmetern.  „Teile von ausgemusterten Bettgestellen aus Not- und Gemeinschaftsunterkünften wurden zu Konstruktionselementen für Installationen, die Schrecknisse von Krieg und Flucht wurden mit Rötel und Graphit den Museumswänden eingeschrieben – es entstand eine begehbare Landschaft als Ausdruck gegenwärtiger Erinnerungen“, beschreibt sie.

Die Ausstellung „daHEIM: Einsichten in flüchtige Leben“, die dieser Tage erst zu Ende gegangen ist, war ein großer Erfolg, hatte international Resonanz erzeugt. Und die Künstlerin ist noch gar nicht wieder ganz bei sich. „Nach einem so langen Projekt und so vielen Emotionen muss ich mich jetzt erst mal besinnen“, sagt sie. Dabei sollen Ruhe und Urlaub helfen und ein baldiger Besuch in Saarbrücken, bei ihrem Sohn.

www. caveng.net

http://kunstasyl.net