| 20:10 Uhr

Fortbewegung im Unternehmen
Bei Festo: In Nullkommanichts von A nach B

Anke Gothe von der Festo-Werks-Feuerwehr hat das Rad immer in der Nähe ihres Arbeitsplatzes, um im Notfall schnell beim Gerätehaus zu sein.
Anke Gothe von der Festo-Werks-Feuerwehr hat das Rad immer in der Nähe ihres Arbeitsplatzes, um im Notfall schnell beim Gerätehaus zu sein. FOTO: Michael Aubert
St. Ingbert. Warum die Fortbewegung im Werk in Rohrbach so wichtig war und ist und warum man sich plötzlich auf Bundesgebiet befindet. Von Michael Aubert

Als Gerhard Becker seine Ausbildung als Elektriker bei der Firma 4-H-Hubel in Blieskastel-Alschbach absolviert hat, musste er die Brötchen für seine Kollegen und Vorgesetzten noch zu Fuß holen. Beim Bäcker oder Metzger. Jürgen Dahlem, Leiter der Abteilung Fertigung Anlagen/Sondermaschinenbau bei Festo in Rohrbach, hatte es da schon einfacher und vor allem auch spannender: Denn als er 1983 seine Mechaniker-Ausbildung bei Festo begann, bestellte er das Frühstück für die älteren Lehrlingsjahrgänge in der Kantine vor, stieg in das von den Azubis selbst entworfene Elektromobil und holte die Brötchen kurze Zeit später ab.


Die Fortbewegung war schon immer ein Thema bei Festo in Rohrbach: Unterirdische Tunnelsysteme mit Förderbändern zwischen den Hallen für den Materialtransport, ein führerloses Transportsystem (FTS), das mit Eingabe des jeweiligen „Zielbahnhofs“ auch dort ankam, wo es hin sollte, werkseigene Fahrräder, elektrische Dreiräder und: Golfcaddys. Je größer die Fläche des Werks in Rohrbach wurde, desto mehr Gedanken hat man sich über mögliche Fortbewegungsarten gemacht. Mit Anfangs 4,3 Hektar hat sich das Betriebsgelände bei Festo in Rohrbach (einschließlich Hassel) in den vergangenen 50 Jahren vervielfacht, auf eine Fläche von über 50 Hektar.

Gerhard Becker, Leiter der Instandhaltungs-Abteilung bei Festo in Rohrbach, mit einem Elektro-Caddy in dem Tunnel, der unter der A6 hindurchführt.
Gerhard Becker, Leiter der Instandhaltungs-Abteilung bei Festo in Rohrbach, mit einem Elektro-Caddy in dem Tunnel, der unter der A6 hindurchführt. FOTO: Michael Aubert


Als Dahlem bei Festo angefangen hat, wurden die meisten Wege noch zu Fuß zurückgelegt, erzählt der 50-Jährige, aber auch die ersten Fahrräder wurden auf dem Gelände genutzt – und es wurden stetig mehr. Das passt in die Zeit der späten 1980er und frühen 1990er Jahre, als der Standort in Rohrbach stark erweitert wurde. Aufgrund der vielen Fertigungs- und Montagehallen mit Kantine und zusätzlichen Sozialräumen sowie das EDV gesteuertes Hochregallager, nutzten immer mehr Mitarbeiter die werkseigenen Räder, um auf dem großen Gelände schnell von A nach B zu kommen.

Das führerlose Transportsystem bei Festo in Rohrbach gibt es nicht mehr. Die Fortbewegung spielte dennoch schon immer eine wichtige Rolle. Foto: Festo
Das führerlose Transportsystem bei Festo in Rohrbach gibt es nicht mehr. Die Fortbewegung spielte dennoch schon immer eine wichtige Rolle. Foto: Festo FOTO: Festo Archiv

Wer aber vermutet, dass der Weg zum Arbeitsplatz vom Eingang vielleicht weiter wäre als der Weg vom Wohnort nach Rohrbach, liegt falsch. Länger als zwei Minuten scheint keiner der Mitarbeiter bis zu seinem Arbeitsplatz zu benötigen. „Es sei denn, man läuft sehr langsam“, sagt Anke Gothe und lächelt, „aber es gibt ja auch mehrere Parkplätze für die Mitarbeiter.“ Als Teil der Werks-Feuerwehr hat sie quasi ihr „(werks)eigenes“ Fahrrad. Immer in der Nähe ihres Arbeitsplatzes. Denn: „Wenn der Piepser geht, muss es schnell gehen“, sagt die 50-Jährige. So benötigt sie im Notfall nicht acht bis zehn Minuten „im Dauerlauf“ zum Gerätehaus, sondern eben maximal zwei bis drei Minuten mit dem Rad.

Der Tunnel unter der A6 bei Rohrbach verbindet zwar die beiden Werksgelände von Festo, bleibt aber dennoch Bundesgebiet.
Der Tunnel unter der A6 bei Rohrbach verbindet zwar die beiden Werksgelände von Festo, bleibt aber dennoch Bundesgebiet. FOTO: Michael Aubert

Den Transport von Komponenten übernahm über viele Jahre ein führerloses Transportsystem (FTS). Doch die kleinen elektrischen Fahrzeuge sind bereits wieder ausgemustert. Das System wurde irgendwann einfach nicht mehr unterstützt, Ersatzteile waren nicht mehr zu bekommen und die Instandhaltung dadurch schwierig. Gerhard Becker, Leiter der Abteilung „Instandhaltung Infrastrukur Elektro“ erinnert sich aber ebenso gut an das FTS wie Jürgen Dahlem: „Ich habe sie zwar immer herumfahren sehen“, sagt Dahlem, „aber selbst nie genutzt“. Weil sie aber so leise waren, sind die selbstfahrenden Roboter mit Musik bespielt worden: Mit der Star-Wars-Melodie.

Die Fahrräder spielen zwar keine Musik, trotzdem nutzt sie Becker am liebsten. „Um mich sportlich fit zu halten“, sagt der 55-Jährige. Nur wenn sie zu zweit, mit Werkzeug oder Ersatzteilen unterwegs sind, komme ein Caddy zum Einsatz. Mit einem solchen zeigt er den Tunnel unter der Bundesautobahn A 6, der die beiden Werksflächen in Rohrbach miteinander verbindet. Breit genug, dass Caddys, Fahrräder und Fußgänger problemlos aneinander vorbeikommen. Aber eben mit Hinweisschildern an beiden Seiten des Tunnels, dass das Festo-Betriebsgelände verlassen und Bundesgebiet betreten würde.

Ein Hinweis, der einem Fremden in den Blick fällt, den die Mitarbeiter aber kaum mehr wahrnehmen. Die Werksfeuerwehr zum Gerätehaus ebenso wenig wie die Monteure der Instandhaltung – und auch nicht der Azubi auf seinem Weg zur Kantine, zum Frühstück holen.