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Licht und Schatten, Grauen und Eleganz

Licht und Schatten, Grauen und Eleganz

Von Man Rays gelehriger Schülerin zur unerschrockenen Kriegsberichterstatterin: Das ungemein vielfältige fotografische {OElig}uvre der Amerikanerin Lee Miller ist noch bis Juni im Berliner Martin-Gropius-Bau zu entdecken.

Das hätte auch schief gehen können. Als sie 19 Jahre alt war, besuchte Lee Miller (1907-1977) Manhattan. Offenbar war sie von der Monumentalität der Wolkenkratzer abgelenkt und lief, ohne nach rechts und links zu schauen, schnurstracks auf die Fahrbahn. Hätte ein Passant sie nicht im letzten Moment vor einem vorbeifahrenden Auto zurückgezogen, so wäre sie überfahren worden. Der Zufall wollte es, dass es sich bei dem geistesgegenwärtigen Fremden um den Verleger Condé Nast handelte, der mit Zeitschriften wie Vogue und Vanity Fair berühmt geworden war. Nast fand Gefallen an der gut aussehenden Frau und engagierte sie als Model.

Doch das Leben vor der Kamera fand die junge Lee Miller schnell langweilig. Sie wollte selber fotografieren. Dass sie das rund fünf Jahrzehnte lang auf ganz unterschiedliche Art und Weise tat, zeigt jetzt eine faszinierende Ausstellung mit rund 100 Exponaten im Berliner Martin-Gropius-Bau. Neben surrealistischen Bildexperimenten sind Modeaufnahmen, Reisefotografien und vor allem emotional aufrührende Aufnahmen aus ihrer Zeit als Kriegsfotografin zu sehen. Ende der 20er Jahre bewarb sie sich in Paris als Schülerin bei Man Ray. Es entstand eine kurze, aber intensive Lebens- und Arbeitsbeziehung. Die beiden entwickelten eine gemeinsame Bildsprache, perfektionierten ganz nebenbei die Technik der Solarisation und waren auch privat unzertrennlich.

Man Ray war es auch, der Miller mit dem Kreis der surrealistischen Künstler bekannt gemacht hat. In Paris fotografierte sie, inspiriert von der Serie "Le vieux Paris" Eugène Atgets, Schaufenster und Passagen und entwickelte eine Vorliebe für das Zusammenspiel von Licht und Schatten sowie ein Faible für enge Durchblicke, Netz- und Gitterstrukturen. Bald war ein unsentimentaler, direkter und oft schonungsloser Zugang zur Realität kennzeichnend für ihre Aufnahmen. 1943 begann sie ihre Arbeit als eine von vier Kriegsfotografinnen der US-Army.

Viele ihrer Aufnahmen entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Time-Life-Fotografen David E. Sherman. Miller dokumentierte die Schlacht um Saint-Malo und die Befreiung von Paris. Am 11. April 1945 entstanden ihre berühmten Aufnahmen von der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Anders als etwa ihre Kollegin Margaret Bourke-White geht Lee Miller mit der Kamera extrem nah an die Leichenberge und die Gesichter der Überlebenden heran. Eng gewählte Bildausschnitte konfrontieren den Betrachter ganz unmittelbar mit dem Unfassbaren.

Gemeinsam mit Sherman gelangte Miller 1945 auch in Hitlers Münchner Residenz. Hier entstanden die berühmten Fotos, auf denen sich die beiden jeweils nackt in Hitlers Badewanne sitzend fotografierten - die schmutzigen Kampfstiefel davor abgestellt. Diese zweifellos stark inszenierten Aufnahmen symbolisieren die Banalität des Bösen. Zugleich zeigen sie aber auch einen intimen Akt der Eroberung und der Reinigung.

Bis 12. Juni. Öffnungszeiten: Mi bis Mo: 10-19 Uhr.

Zur Ausstellung ist im Hatje Cantz Verlag ein vorzüglicher Katalog erschienen (160 Seiten, 136 Abb., 29,80 €).