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„Wir lassen uns das Herz nicht rausreißen“

„Wir lassen uns das Herz nicht rausreißen“

Die Stahlbranche steckt in der Krise. Viele Werke in Europa schreiben roten Zahlen. Nun soll die Politik helfen. Gestern demonstrierten bundesweit Zehntausende, besonders viele gingen im Saarland auf die Straße.

Angelo Stagno, Betriebsratschef des Saarstahl-Walzwerks in Burbach, ist ein eher höflicher, zurückhaltender und freundlicher Zeitgenosse. Doch gestern auf der Bühne vor dem Saarbrücker Staatstheater häutete er sich. Zum Vorschein kam ein Kämpfer, der bereit ist, für den Erhalt der Arbeitsplätze in der saarländischen Stahlindustrie in eine lange und erbitterte Schlacht zu ziehen. "Wir sind die Guten", rief er den rund 2000 Menschen zu, die sich anlässlich des deutschlandweiten Stahl-Aktionstags im Herzen der Landeshauptstadt versammelt hatten. "Die Bösen" - das sind in seinen Augen die, "die sich nicht darum sorgen müssen, dass bei der Herstellung von Billig-Stahl, den sie dann zu Schleuderpreisen nach Europa exportieren, die Luft verpestet wird". Die deutsche Stahlindustrie sei nur für 0,15 Prozent der weltweiten Emissionen an Kohlendioxid verantwortlich.

In die gleiche Kerbe schlug in Saarbrücken Wolfgang Lemb, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall . "Jetzt muss die Politik die richtigen Weichen stellen", sagte er. "Ob wir sauberen Stahl aus Deutschland oder dreckigen Stahl aus China wollen."

Doch nicht nur in Saarbrücken versammelten sich gestern Tausende, um für die Stahlindustrie zu kämpfen - auch in Dillingen, Neunkirchen und Völklingen gab es mächtige Protestzüge und deftige Ansprachen. Über 20 000 Menschen waren im Saarland insgesamt auf der Straße, das war gut die Hälfte aller Demonstranten in Deutschland. Ein Beleg dafür, dass "Stahl zum Saarland gehört wie die Saar", wie es Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD ) in Völklingen ausdrückte. Oder, an gleicher Stelle Ex-Ministerpräsident Oskar Lafontaine : "Die Stahlindustrie ist das Herz des Saarlandes, und das darf nicht aufhören zu schlagen." Dass die Demonstranten und Redner mit viel Herzblut bei der Sache waren, ließ sich auch an den Worten von Guido Lesch, 2. Bevollmächtigter der IG Metall Völklingen, erkennen. "Wir lassen uns das Herz nicht rausreißen von der Brüsseler Beamten-Bürokratie!", lautete sein klarer Vorwurf an die vermeintlichen Verantwortlichen der Misere.

Die Entscheider in der EU-Hauptstadt bekamen auch in Dillingen ihr Fett weg. "Was sich die europäische Politik abhält, ist eine Katastrophe", schimpfte Leschs Gewerkschaftskollege Robert Hiry. Und weil sich zwei Parteien im Vorfeld nicht solidarisch mit den Stahlkochern gezeigt hatten, mussten auch sie sich einiges anhören. "Piraten gehören ins Meer, und die Grünen nicht mehr in den Landtag", meinte Hiry. Auch Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU ) legte vor den 8000 Menschen in Dillingen den Finger in die Wunde der Nicht-Solidarität: "Es geht um die Zukunft unseres Landes, auch wenn es immer noch viele gibt, die das nicht verstanden haben." Mit Blick auf China sagte sie: "Es kann doch nicht angehen, das bei uns aus Umweltgründen nicht mehr produziert wird, aber dafür anderswo schmutziger. Diese Arbeitsteilung geht nicht."

Von einer Teilung war in Neunkirchen nichts zu spüren. Im Gegenteil. Auch hier protestierten Arbeitnehmer und Arbeitgeber Seit' an Seit'. Albert Hettrich , Generalbevollmächtigter der Stahl-Holding Saar, erklärte, warum: "Ich wurde in den vergangenen Tagen oft gefragt, ob es nicht ungewöhnlich ist, dass Arbeitgeber und Gewerkschafter gemeinsame demonstrieren. Ja, das ist es, aber es ist nötig." Etliche der 1300 Demonstranten in Neunkirchen zeigten sich wild entschlossen, auch nach Brüssel und Straßburg zu fahren, um sich Gehör zu verschaffen. Die Schlacht um den Erhalt der Stahlindustrie - sie hat erst begonnen.

Meinung:

Ein starkes Signal

Von SZ-RedakteurLothar Warscheid

Der Stahl-Aktionstag, der deutschlandweit gestern Zehntausende auf die Straße brachte, war ein starkes und wichtiges Signal. Wenn die Botschaft ankommt, dass Stahl nicht irgendein Produkt ist, sondern der wichtigste Grund-Werkstoff für die deutsche Auto-, Maschinenbau- und Elektroindustrie, dann ist viel gewonnen. Wir haben es nicht mit Alt-Anlagen zu tun, sondern mit einer hochmodernen Fertigung, die allerdings gegen Billig-Stahl, der unter verheerenden Umweltbedingungen hergestellt wird, keine Chance hat. Außerdem muss die EU-Kommission begreifen, dass sie bei ihrer Klimapolitik die Kirche im Dorf lassen sollte. Das müssen auch EU-Parlamentarier wie der SPD-Europaabgeordnete Jo Leinen begreifen, dem es bisher mit der Verteuerung und Verknappung von Emissionszertifikaten nie schnell genug ging. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.

 Isolde Ries
Isolde Ries Foto: KERKRATH
 Hilft nur noch beten? In Duisburg demonstrierten rund 16 000 Stahlkocher in teils originellen Kostümen. Foto: Skolimowska/dpa
Hilft nur noch beten? In Duisburg demonstrierten rund 16 000 Stahlkocher in teils originellen Kostümen. Foto: Skolimowska/dpa Foto: Skolimowska/dpa

Zum Thema:

HintergrundDie deutsche Stahlindustrie hat einen heftigen Aderlass hinter sich. Ende 2015 arbeiteten in der Branche rund 86 000 Menschen, 1980 waren es noch 288 000. Der größte heimische Hersteller ist Thyssen-Krupp mit einer Jahresproduktion von zuletzt 12,4 Millionen Tonnen. Nummer zwei ist der Luxemburger Weltmarktführer Arcelor-Mittal (7,8), an dritter Position rangiert Salzgitter (6,8), gefolgt von Saarstahl (2,8) und Dillinger Hütte (2,4). dpa