Stahlkocher gehen auf die Straße

Stahlkocher gehen auf die Straße

Am kommenden Montag ruft die Stahlbranche zu einem Aktionstag auf. Gewerkschafter und Betriebsräte sehen die Unternehmen unter anderem durch subventionierte Billigstahl-Importe bedroht.

 Im Einsatz für die Stahlbranche: Hans Peter Kurtz, Guido Lesch, Robert Hiry, Jörg Caspar (IG Metall Neunkirchen), Michael Fischer, Ellen Neumann, Angelo Stagno (Betriebsrat Saarstahl Burbach) und Stephan Ahr. Foto: rolf ruppenthal
Im Einsatz für die Stahlbranche: Hans Peter Kurtz, Guido Lesch, Robert Hiry, Jörg Caspar (IG Metall Neunkirchen), Michael Fischer, Ellen Neumann, Angelo Stagno (Betriebsrat Saarstahl Burbach) und Stephan Ahr. Foto: rolf ruppenthal Foto: rolf ruppenthal

Für die deutsche und die saarländische Stahlindustrie ist es "5 vor 12" und die Stahlkocher schlagen Alarm. Die Branche ruft für kommenden Montag zu einem Stahl-Aktionstag auf. Um 11.55 Uhr, also "5 vor 12", finden in den vier Städten des Landes, in denen die Saarstahl AG und die Dillinger Hütte ihre Werke haben, Kundgebungen statt: in Völklingen , Dillingen, Saarbrücken und Neunkirchen. Bundesweit sind ähnliche Aktionen geplant.

Die Stahlarbeiter fühlen sich derzeit von zwei Seiten in die Zange genommen. Zum einen sind es die massenhaft nach Europa strömenden Importe von Billigstahl aus Ländern wie China, Indien oder Russland. "Hier muss die EU endlich einen Riegel vorschieben und wirksame Anti-Dumping-Zölle erlassen", forderte gestern Robert Hiry, 1. Bevollmächtigter der Verwaltungsstelle Völklingen der IG Metall . Durch diesen Billig-Stahl, den die USA inzwischen mit Zoll-Aufschlägen von 200 Prozent belegten, "gerät die europäische Stahlindustrie in existenzbedrohende Schwierigkeiten", erinnern Stephan Ahr und Michael Fischer, die Betriebsratsvorsitzenden der Saarstahl AG (SAG) und der Dillinger Hütte (DH). Allein die EU-Stahlimporte aus China seien in den vergangenen Jahren um 167 Prozent auf 7,2 Millionen Tonnen angestiegen.

"Außerdem wird dieser Stahl zu wesentlich schlechteren Umweltbedingungen hergestellt als der heimische", betonte Guido Lesch, 2. Bevollmächtigter der Völklinger Verwaltungsstelle der IG Metall . So würden in China knapp 14 Millionen Tonnen des Klimagases Kohlendioxid (CO{-2}) in die Luft geblasen, um sieben Millionen Tonnen Stahl herzustellen, in der EU seien es 9,7 Millionen Tonnen CO{-2}. Die Vertreter der Branche fordern, China Ende des Jahres auf keinen Fall den Status einer Marktwirtschaft zuzuerkennen. Dies hätte nämlich zur Folge, dass Anti-Dumping-Maßnahmen nur noch in abgeschwächter Form gegen das Land auf den Weg gebracht werden könnten.

Auf der anderen Seite appelliert die Stahlindustrie an die Bundesregierung, bei der EU-Kommission in Brüssel zu intervenieren, dass die Klimaschutz-Ziele, die sich die EU für die nächste Handelsperiode ab 2021 auf die Fahnen geschrieben hat, so nicht umgesetzt werden. Die Union will den CO{-2}-Ausstoß unter anderem dadurch senken, dass die Emissionszertifikate verknappt und verteuert werden. Weil die Stahlindustrie als energieintensive Branche sehr viele Zertifikate benötigt, "kämen pro Jahr allein auf die deutschen Konzerne Mehrbelastungen von einer Milliarde Euro zu", machte Hiry deutlich. Für Saarstahl, die Dillinger Hütte und das Stahlwerk Bous seien das rund 135 Millionen Euro. "Das können die Unternehmen nicht verkraften."

Hinzu komme, dass die Umwelt- und Klimaschutzziele ohne eine Stahlindustrie, die hochwertige Produkte herstellt, nicht erreichbar seien. "Effiziente Kraftwerke und leistungsfähige Windräder lassen sich nur mit Stahl aus höchster Qualität herstellen", sagte Ellen Neumann, Betriebsratsvorsitzende von Saarstahl Neunkirchen.

Damit nicht genug. "Stahl ist der wichtigste Grundstoff für die deutsche Industrie", erläuterte Hans Peter Kurtz, 1. Bevollmächtigter der IG-Metall-Verwaltungsstelle Saarbrücken. Das gelte sowohl für den Maschinen- und Anlagenbau als auch für die Elektrotechnik, die Chemie- und die Automobilindustrie. Hohe Qualität und Liefertreue der Stahlkocher seien für diese Branchen unverzichtbar. Kurtz, der auch Vorstandsvorsitzender der Saar-Arbeitskammer ist, machte darauf aufmerksam, dass auch die Kammer "den Kampf der rund 22 000 Stahl-Arbeitnehmer für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze unterstützt".