Das große Zittern im Stammland der Genossen

Das große Zittern im Stammland der Genossen

Kanzlerkandidat Schulz stürzt sich ins Wahlkampf-Finale in seiner Heimat NRW, wo die SPD mächtig wackelt. Die jüngste Umfrage sieht die CDU vorn.

Er hängt sich rein, er kämpft. Für Hannelore Kraft, für die SPD, aber auch für sich selbst. 30 Einsätze hatte Martin Schulz schon im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf hinter sich, in den letzten Tagen kommen noch etliche dazu. Bonn, Leverkusen, Aachen, Würselen, Duisburg. "Müssen wir zittern, Eva?", fragt eine Genossin am Info-Stand in der Leverkusener Fußgängerzone. Schulz gibt im Hintergrund gerade einem großen Journalistenpulk Interviews. "Natürlich müssen wir zittern", antwortet Eva Lux, SPD-Landtagsabgeordnete aus Leverkusen. "Aber es wird schon."

Wenn man Schulz folgt in diesen Tagen, ist es immer das gleiche Bild: Vorne ein kleines SPD-Empfangskomitee, das stolz ist, dass der Kanzlerkandidat es in diesem Wahlkampf unterstützt. Hinter Schulz der übliche Medientross. Und am Rande Neugierige, die das Handy zücken. "Guck mal, Sankt Martin", sagt einer. Aber es kommt keine richtige Stimmung auf. 30 Prozent der Wähler sind noch unentschieden, es steht Spitz auf Knopf. Die NRW-SPD setzt in dieser Phase ganz auf ihre Spitzenkandidatin Hannelore Kraft. Personenwahlkampf.

Leute wie die Rentnerin Herlinde Weitze (74) sprechen das an. "Hannelore Kraft ist eine richtig gute Landesmutter", sagt sie. Martin Schulz redet ganz ähnlich. Morgens in Bonn, als er die Telekom-Zentrale besucht, sagt er: "Die Menschen kennen Hannelore Kraft als eine Frau, die das Land exzellent führt und den Menschen zugewandt ist." Auf der anderen Straßenseite hängt ein CDU-Plakat: "Alarmstufe Doppelrot" steht darauf. Es ist die aggressive Warnung vor einer rot-rot-grünen Koalition. Das SPD-Plakat mit der lächelnden Ministerpräsidentin und dem Slogan "NRWIR" ein paar Meter weiter wirkt vergleichsweise brav.

Der junge SPD-Stadtrat Arne Altenburg (27) dreht am Infostand in Leverkusen für die Kinder ein Glücksrad. Er sagt, dass er seit kurzem zum ersten Mal das Gefühl hat, dass die Wahl auch schief gehen könne. "Wir kriegen eine gewisse Wechselstimmung schon mit", sagt Altenburg. "Es kommen Vorwürfe wie: Ihr habt fünf Jahre nichts gemacht. Und immer wieder das Thema Staus." In Leverkusen ist die Rheinbrücke seit langem für Lastwagen gesperrt, mit katastrophalen Folgen für den Verkehrsfluss.

Anders als Altenburg will der für den Wahlkampf Verantwortliche in einer anderen rheinischen Großstadt anonym bleiben, aber seine Einschätzung ist ähnlich. Die Stimmung sei anders als bei der Wahl vor fünf Jahren. Es werde öfter über Hannelore Kraft geschimpft, schildert er. Und dann sei da die Opposition mit ihren immer gleichen drei Themen: Kriminalität, Staus, Schulen. "Gegen die einfachen Slogans wie ‚Stauland' kommen wir nur schwer an." Trotzdem glaubt der Mann, dass es am Ende reichen wird. "Knapp." Gegen diese Stimmung kämpfen sie nun an, die Genossen an Rhein und Ruhr. Auch Martin Schulz, denn eine dritte Wahlniederlage in Folge, noch dazu im Kernland Nordrhein-Westfalen, würde für seinen Wahlkampf alles verändern. Der Zauber des Neubeginns wäre komplett dahin.

Am Abend in Aachen versucht Schulz, den Blick nach vorn zu richten. Er wird vor heimischem Publikum mit großem Beifall begrüßt, hier funktioniert der Schulz-Hype noch. Er spricht über sein Lieblingsthema Bildung und die Herausforderungen der digitalen Revolution, sagt, dass Deutschland darin investieren werde, "wenn ich Bundeskanzler dieses Landes bin".

Für Sonntag hofft er auf den Schwung der letzten Stunden. Immer mehr Menschen entschieden erst spät, wen sie wählen, sagt er. "Und da sind die vielen hier auf dem Platz doch eine Ermutigung." Die jüngste Umfrage von gestern spricht allerdings gegen die Genossen: In einer YouGov-Erhebung hat die CDU die SPD in der Wählergunst überholt - und liegt mit 31 Prozent ein knappes Prozent vor Schulz' Partei.