Gefährliche Schnäppchen

Gefährliche Schnäppchen

In Deutschland sind immer mehr gefälschte Medikamente in Umlauf. Die Mittel sind billig, aber oft unwirksam und sogar gefährlich. Experten warnen vor den Folgen – für Verbraucher und Unternehmen.

Billig, aber unwirksam oder sogar lebensgefährlich: Die deutsche Wirtschaft schlägt Alarm, weil immer mehr gefälschte Medikamente den hiesigen Markt überschwemmen. "Hier geht es längst nicht mehr nur um Viagra und Designerdrogen. Blutdrucksenker und Krebsmittel werden genauso gefälscht wie nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel", sagte der Hauptgeschäftsführer des deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, zu unserer Zeitung.

Viele Touristen würden sich inzwischen Medikamente einfach aus dem Urlaub mitbringen "ohne zu hinterfragen, warum sie so billig sind". Die Arzneien könnten sich aber als gefährliche Schnäppchen entpuppen, betonte Wansleben. Auch die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) warnte kürzlich vor falschen Medikamenten. Jede zweite im Internet verkaufte Medizin sei kopiert, hieß es. Angeboten würde alles - von Antibiotika über Doping- bis zum Haarwuchsmittel. Solche Arzneien enthielten aber keinen Wirkstoff oder seien überdosiert, die Gesundheitsgefahr für die Patienten daher mitunter groß. Verbraucherschützer raten deshalb, nichts auf dubiosen Internetseiten zu bestellen, sondern Medikamente nur in einer Apotheke vor Ort oder einer seriösen Internet-Apotheke zu kaufen. Die Seriosität lasse sich an Impressum, Angebot und Versandbedingungen prüfen. Wer überdies im Netz verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rezept anbiete, wolle mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Fälschung loswerden.

Nach Angaben Wanslebens hat die internationale Produktpiraterie immer dramatischere Folgen für die deutschen Unternehmen. Demnach beläuft sich der wirtschaftliche Schaden mittlerweile auf über 50 Milliarden Euro im Jahr. Kopiert wird alles, von der Designerhandtasche über Sonnenbrillen bis zu Spielsachen. Neben Medikamenten wachse auch der Anteil der elektronischen Haushaltsgeräte. "Aber ganz oben im Ranking stehen immer noch Textilien und Zigaretten", sagte Wansleben. Zwei Drittel aller Fälschungen kämen aus China und Hongkong. "Auch die Entwicklung in Indien bereitet uns große Sorge." Laut Wansleben wird dort den deutschen Unternehmen der Patentschutz einfach aberkannt. "Die Bundesregierung muss daher das Thema Marken- und Patentschutz bei internationalen Verhandlungen wieder verstärkt auf die Agenda setzen." Außerdem fordert der DIHK die Neuauflage des runden Tisches zwischen Regierung und Wirtschaft, "um gemeinsam über aktuelle Entwicklungen und Lösungsmöglichkeiten zu beraten".

Nach Angaben des Zolls konnte im Jahr 2012 gefälschte Ware im Wert von 127 Millionen Euro beschlagnahmt werden. Ein Vielfaches mehr habe aber unentdeckt die Grenzen passiert. Rüdiger Stihl, Chef des Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie der Wirtschaft, nahm auch die Verbraucher in die Pflicht: Bei gefälschten Konsumgütern fehle das notwendige Problembewusstsein. "Viele sehen im Kauf gefälschter Produkte ein Kavaliersdelikt und kennen die Gefahren nicht", sagte Stihl.