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Konzert Fazil Say in Saarbrücken: Der Romancier des Klaviers

Konzert Fazil Say in Saarbrücken : Der Romancier des Klaviers

Abende mit Fazil Say, wie jetzt in Saarbrücken, sind mehr als Klavierkonzerte: Es sind wunderbare Klangreisen.

Nackt steht der Flügel vor ihm, des Deckels entblößt. Er will das so, er braucht das so. Weil er ihm an diesem Abend in der Alten Feuerwache Klänge entlocken wird, die nicht sofort im Ohr sind, wenn man ans Klavier denkt. Fazil Say will Saiten auch ohne Umwege über die Piano-Mechanik dämpfen, zupfen, schlagen können. Krachen da nicht Schüsse in den perkussiven Bass­attacken? Überrennt im Akkordgewitter Polizeigewalt Demonstranten? Doch keimt dann nicht auch Hoffnung zart im duftigen Spiel?

„Gezi Park“ ist programmatisch; es sind Klang gewordene Bilder jener Wochen, Mitte 2013, als viele eine Art türkischen Frühling herbeisehnten. Hofften, dass am Istanbuler Taksim-Platz und im benachbarten Gezi Park die Demonstranten Erdogans Staatsmacht trotzen könnten. Say hat jene Tage, die Hoffnung damals wie die Hoffnungslosigkeit, in sein dreiteiliges Werk „Gezi Park“ gefasst. Vielleicht ist der mittlere Part, mit Piano pur, in seiner Konzentration der berührendste, so wie er zwischen Jazz und Klassik seinen Roman der Zeitgeschichte schreibt. So ausgreifend wie ergreifend, wie man das sonst nur von Keith Jarretts Klaviergespinsten kannte. Der dritte Teil von „Gezi Park“ hingegen, als „Ballade“ für Mezzo (bravourös: Judith Braun), Klavier und Streichorchester konzipiert, entwickelt nicht ganz diese erzählerische Kraft.

„Artist in Focus“ ist Fazil Say in dieser Saison am Saarländischen Staatstheater. Ein Glücksfall. Denn der 1970 in Ankara geborene Pianist, Komponist und Aktivist, der selbst schon, weil er sich Mund, Kritik und Ironie nicht verbieten ließ, mit der türkischen Justiz in Konflikt geriet, zählt zu den faszinierenden Künstlerpersönlichkeiten. Bei Bach wurde Say, der in Ankara, Düsseldorf und Berlin studierte, zum Wirbelwind, Mozart interpretierte er so leidenschaftlich, so eigen, dass man zwangsläufig an einen anderen Solitär unter den Pianisten denkt, an Glenn Gould. Auch wie Say da, hat die rechte Hand mal frei, Klänge modelliert, und sich dann seine Finger wieder unorthodox an die Tasten schmiegen.

Wer aber wollte bei einem Vielfachkönner wie Say schon Schubladen aufziehen? In seinen eigenen Werken für Klavier, aber auch für Orchester, die er jetzt in Saarbrücken vorstellte, springt er oft traumwandlerisch leicht zwischen Okzident und Orient („Silk Road“), evoziert Sitar-Klänge, aber auch Tasten-Rauschen mit großer Pranke hingeworfen als sei’s von Rachmaninov. Kein verkopftes Neutönen, sondern Musik, die Herz wie Verstand rührt, ist das. Und sein pointiertes Spiel, seine Urmusikalität können berauschend wirken. Noch schöner aber ist es, dass sich das Staatsorchester so auf diese Klangreisen, die viel an Spieltechnik fordern, die fremde Rhythmik verlangen, einzulassen versteht. Auch wenn Say als Dirigent, etwa bei seiner „Chamber-Symphony“, es oft bei hingeworfenen Armbewegungen belässt, ein besseres Anzeigen von Einsätzen. Schade, dass dieser Abend mit Fazil Say (mit einer Nocturne noch für den Heimweg) so rasch endete.