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Leserbrief Missbrauchsstudie
Gott ist, wenn es ihn gibt, längst weg

„Kirchenmänner im Büßerhemd“, SZ vom 26. September, Missbrauchsstudie der kath. Kirche

Keiner fragt mehr danach, warum Kinderschänder eine Berufung fürs Priesteramt verspürten. Warum hat der, dessen Ruf sie angeblich hörten, ihre Gebete um Kraft zur Keuschheit nicht erhört? Dieser Allmächtige soll es nötig haben, den kindlichen Opfern Leid zuzufügen, um seine gut bezahlten Kultbeamten auf die Probe zu stellen? Ein interessantes Detail der Studie über den Missbrauch bestätigt, was Kritiker lange vermuteten: Diakone, die ja nicht zum Zölibat verpflichtet und mit deutlich geringerer klerikaler Macht ausgestattet sind, wurden viel seltener straffällig als Diözesanpriester. Gerade die katholischen Waisenhausbetreiber, also die Ordensangehörigen, waren demnach die übelsten Täter. Es hat aber keinen Untersuchungsauftrag durch die Orden gegeben, weshalb diese auch nicht Teil der aktuellen Missbrauchsstudie gewesen sind. Kein Kirchenfürst hat die Schreie dieser leidgeprüften Kinder gehört. All das läuft doch darauf hinaus, dass dieser Gott, wenn es ihn denn geben sollte, die Römisch-Katholische Kirche längst verlassen hat. Das angebliche Jesus-Wort „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ sollten die heuchlerisch zerknirscht wirkenden Bischöfe nun einmal überdenken. Jedem Kirchensteuerzahler sollte angesichts dieser – wenn auch unvollständigen – Studie klar werden, dass er sich zum Förderer eines Vertuschungssystems macht. Selbst der Staat wird sich kaum des Vorwurfs einer Mittäterschaft erwehren können, wenn er einer solchen Organisation weiter durch Artikel 140 des Grundgesetzes besondere Rechte einräumt.


Edgar Schwer, Nonnweiler-Otzenhausen