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Leitartikel
Kramp-Karrenbauer greift unaufgeregt nach der Macht  

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Es ist schon bemerkenswert, wie Annegret Kramp-Karrenbauer das macht. Auf ihrem Weg ins Kanzleramt managt AKK die Union mit ruhiger Hand, unaufgeregt und vor allem integrierend. Das hat das „Werkstattgespräch“ zur Migrationspolitik gezeigt. Von Hagen Strauss

Ihr Lapsus mit der Begrüßung der eigenen Parteifreunde als „Sozialdemokraten“ mag manchen verstört haben, ist aber nicht kriegsentscheidend. So etwas kann halt passieren, wenn man beim Reden an die Konkurrenz denkt.


Die CDU ist weitgehend der Versuchung widerstanden, die zweitägige Veranstaltung zur Abrechnung mit der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu machen. Das ist zweifellos Kramp-Karrenbauers Verdienst. Alles andere hätte ihr genauso wie Merkel und damit der Partei insgesamt geschadet. Nun kann sie mit gutem Gewissen sagen, dass man die Fehler der Vergangenheit in der Migrationspolitik aufgearbeitet und aus ihnen gelernt hat. Für die anstehenden Wahlkämpfe speziell im Osten ist das nicht unerheblich. Denn AKK sendet für die CDU das Signal, sich ehrlich gemacht zu haben. Genau das haben viele Menschen im Umgang mit der Flüchtlingsfrage und den Folgeproblemen erwartet. Nebenbei hat sich die Vorsitzende auch noch von der Politik der Kanzlerin entkoppelt, ohne die offenkundig gut funktionierende Zusammenarbeit zu beschädigen. Ein geschickter Schachzug.

Welche konkreten Konsequenzen aus dem Werkstattgespräch gezogen werden, steht auf einem anderen Blatt. Die Forderungsliste ist lang. Alle Beschlüsse wird die Union nicht umsetzen können, da steht die SPD vor. Genauso wenig aber werden die Genossen die sozialpolitischen Ergebnisse ihrer Klausur eins zu eins in die Bündnispolitik einspeisen können. Am Ende wird darum geschachert werden – gibst du mir, gebe ich dir. Schon beim nächsten Koalitionsausschuss. Denn jede Partei muss im Vorfeld der Europawahl auch etwas vorweisen können. Deswegen sind die Beratungen der Koalitionäre vom Wochenende mehr gewesen als nur Selbstbespiegelung und Befreiung von alten Lasten. Sie haben beiden Regierungsparteien wieder einmal ein eigenständiges Profil verschafft. Ob und wie das die Koalition belastet, wird sich zeigen. Vielleicht wirkt es aber auch entlastend.



Wie geht es jetzt für Kramp-Karrenbauer weiter? Man hat den Eindruck, als ob die Saarländerin ihren Weg zur Macht akribisch geplant hat – mit Nähe und Distanz zu Angela Merkel. An AKK führt kein Weg vorbei, schon gar nicht, wenn die Union die Europawahl erfolgreich besteht und womöglich zugleich in Bremen den Machtwechsel schafft. Auch wenn AKK mitunter noch damit kokettiert, lediglich das Vorschlagsrecht in der K-Frage zu haben – sie will die Macht. Die Aussöhnung mit der CSU, die Kramp-Karrenbauer vorangetrieben hat, die inhaltlichen Akzente, die sie bewusst Parteiflügel übergreifend gesetzt hat, sprechen eine deutliche Sprache. Und von Friedrich Merz, vor einigen Monaten noch Kramp-Karrenbauers schärfster Widersacher im Kampf um den Parteivorsitz, redet schon lange keiner mehr.