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Europas Milchbauern kämpfen um ihre Existenz

Brüssel. "Wir werden die Minister in Milch baden", sagt Jean-Louis Naveau. Am Montag tagen in Brüssel die Agrarminister der EU. Da wird der Präsident der französischen Milch-Bauerngewerkschaft OPL vor Ort sein, ebenso wie sein deutscher Kollege Romuald Schaber aus dem Allgäu. Und mit ihnen zigtausende von Landwirten, die Kühe, Traktoren und Transparente dabei haben Von SZ-Korrespondent Detlef Drewes

Brüssel. "Wir werden die Minister in Milch baden", sagt Jean-Louis Naveau. Am Montag tagen in Brüssel die Agrarminister der EU. Da wird der Präsident der französischen Milch-Bauerngewerkschaft OPL vor Ort sein, ebenso wie sein deutscher Kollege Romuald Schaber aus dem Allgäu. Und mit ihnen zigtausende von Landwirten, die Kühe, Traktoren und Transparente dabei haben. "Wir kämpfen um unsere Existenz", sagen die Präsidenten der Milchviehhalter-Vereinigungen aus ganz Europa. Denn Deutschlands Bauern stehen nicht allein. Überall ist der Milchpreis in den Keller gefallen. 40 Cent pro Liter bräuchten die Produzenten, um ihre Kosten decken und ein Mindest-Einkommen erwirtschaften zu können. Nicht mal mehr 20 Cent zahlen die hiesigen Molkereien. In Belgien sind es 25 Cent, in Österreich, Frankreich, Italien gibt es ebenfalls nur 20 Cent. Die Milch-Lieferanten leiden unter der Billig-Konkurrenz aus Ozeanien, deren Liter für 15 bis 18 Cent zu haben ist. Die Lösung der Betroffenen: "Herunterfahren der Produktion um drei bis vier Prozent", sagt Frankreichs Milchbauern-Chef Naveau. Bei den deutschen Kollegen klingt das ähnlich: Die Produktion soll flexibel an die Nachfrage gekoppelt werden. Mit anderen Worten: Die Landwirte wollen nicht mehr liefern, als verbraucht wird. Das ist "völlig unrealistisch", bekommen sie vom Deutschen Bauernverband entgegengehalten. Dessen Präsident Gerd Sonnleitner: "Auch auf dem Milchmarkt gelten zunehmend die Gesetze des Marktes. Darauf müssen sich die Milchbauern einstellen." Da könnte was dran sein, schließlich machen norddeutsche und niederländische Landwirte vor, dass man mit der Aufgabe der reinen Milchwirtschaft die Folgen der Krise zumindest abfedern kann. Die Viehhalter aber sehen die Wurzel des Übels in der europäischen Agrarpolitik. Kommission und EU-Minister stoppten schon vor Jahren das jahrzehntelange System der Preisanreize, das nur zu kostspieligen Überschüssen führte. Man beschloss eine Produktionsobergrenze, die Milchquote, ließ parallel dazu Flächen stilllegen und ersetzte Preisstützungen durch Direktbeihilfen. Das langfristige Ziel soll bis 2015 erreicht werden. Dann läuft die Milchquote endgültig aus. Bis dahin aber soll die für jedes EU-Land geltende Obergrenze jährlich um ein Prozent angehoben werden. Dieser Beschluss fiel im Vorjahr, nachdem die Preise - wie von den Bauern gefordert - auf zeitweise 40 Cent gestiegen waren. Als Brüssel eine höhere Produktion erlaubte, fielen sie wieder in den Keller.In Österreich hat Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich inzwischen einseitig die jährliche Quotenerhöhung ausgesetzt. Ewald Grünzweil, Obmann der Milchbauern in der Alpen-Republik, sieht darin trotzdem nur eine "zaghafte Maßnahme in die richtige Richtung". Am Jahresende werden nämlich Überschüsse und Unterproduktion gegengerechnet. Das Ergebnis ist schon absehbar: Da die Strafzahlungen für Überproduktion auf alle Bauern aufgeteilt werden, gibt es kaum einen Zwang, den Milchsee zu verringern. Sonst würde derjenige, der weniger produziert, durch ausfallende Einnahmen plus Sanktionen doppelt bestraft. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) will deshalb erreichen, dass die Direktbeihilfen, die normalerweise erst zum Jahresende ausgezahlt werden, schon im Oktober bei den Landwirten ankommen. Brüssel scheint nicht abgeneigt.