Die Berliner Republik als Satirefall

Die Berliner Republik als Satirefall

"Das Leben schreibt die linkesten Kisten", lassen Sie Ihre "Zettl"-Figur Bully Herbig im Film sagen. Wie link und lustig finden Sie die Affären des Bundespräsidenten?Dietl: Ich bin da ambivalenter Meinung. Natürlich ist das Krisenmanagement von Wulff desaströs. Andererseits ist geradezu grotesk, worüber sich da die Republik erregt

"Das Leben schreibt die linkesten Kisten", lassen Sie Ihre "Zettl"-Figur Bully Herbig im Film sagen. Wie link und lustig finden Sie die Affären des Bundespräsidenten?Dietl: Ich bin da ambivalenter Meinung. Natürlich ist das Krisenmanagement von Wulff desaströs. Andererseits ist geradezu grotesk, worüber sich da die Republik erregt. Sei es über ein Kochbuch, das die weltberühmte niedersächsische Küche preist, wofür 4000 Euro ausgegeben wurden. Oder sei es eine wichtige Hauptstadt-Journalistin, die allen Ernstes fordert, dass man fürs Übernachten bei seinen Freunden 150 Euro zahlen soll. Haben wir wirklich keine anderen Probleme?

Wie bewerten Sie Affäre Wulff aus Sicht des Komödien-Autors?

Dietl: Vieles ist absolut satirereif - wobei wir noch nicht das Ende kennen, da müssen wir abwarten, wie sich die Sache entwickelt. Man muss sich allerdings klar sein, dass Wulff nichts anderes ist als jene Bande, über die die Kugel gespielt wird, um Merkel zu treffen. Um nichts anderes geht es hier.

Haben Sie über dieses Thema mit Ihrem Produzenten David Groenewold gesprochen, der in dieser Affäre ja eine Rolle spielt?

Dietl: (lacht) Nein. Mich geht das ja auch nichts an.

Trauen Sie sich, Politikern zu trauen?

Dietl: Ich habe Politikern seit langem nicht getraut, ebenso wenig wie den Medien. So gesehen ist die Welt für mich in Ordnung, da gibt es wenig Neues.

Stören Sie die ständigen Vergleiche von "Zettl" mit "Kir Royal"?

Dietl: Die ständigen Verweise machen mir schon ein wenig zu schaffen, schließlich kann man München vor 25 Jahren nicht mit Berlin-Mitte heute vergleichen. Man kann gewisse Sachen nicht mehr so behandeln wie früher. Das habe ich getan - offensichtlich zum Leidwesen mancher Kritiker, die sich gewünscht haben: "Bitte alles genauso wie früher, bloß anders!"

Mit München gingen Sie damals liebevoller um, fühlen Sie sich unwohl in der Hauptstadt?

Dietl: Nein, ich mag diese Stadt und ganz besonders diesen Bezirk Berlin-Mitte. Hier kann man erleben, was wirklich passiert. Wenn man spazieren geht, hat man immer das Gefühl, im Zentrum der Entscheidungen zu sein. Für einen Satiriker ist das geradezu ein Geschenk.

"Zettl" hatte einen Etat von zehn Millionen Euro. Was hat den Film so teuer werden lassen?

Dietl: Im europäischen oder internationalen Vergleich liegt unser Budget gar nicht so hoch. Die Kosten hängen mit dem ganzen Aufwand für solch eine Produktion zusammen. Der ist wesentlich größer als früher. Und natürlich bekommen auch Schauspieler beim Film höhere Gagen als beim Fernsehen.

Apropos Fernsehen: Woran lag es, dass ARD und ZDF sich Ihrem Projekt verweigert haben?

Dietl: Mich hat diese Ablehnung auch gewundert. Den Stoff habe ich wie Sauerbier angeboten, aber da war nichts zu machen. In "Zettl" werden viele Dinge beim Namen genannt, was bei den öffentlich rechtlichen Sendern mit ihren ganzen politischen Gremien eben nicht sehr beliebt zu sein scheint.

Woran liegt es, dass Humor hierzulande so wenig Charme und Leichtigkeit besitzt?

Dietl: Humor in Deutschland ist eine problematische Angelegenheit. Das hat durchaus etwas mit unserer Vergangenheit zu tun, viele Künstler wurden im Nationalsozialismus aus diesem Land vertrieben. Anschließend ist dieser plumpe Stammtisch-Humor eingezogen, da kann man sich tatsächlich ein bisschen einsam fühlen.

Wie viel Fernsehen schauen Sie, stehen abgesehen von der täglichen Kultursendung auf 3sat auch Mario Barth und Harald Schmidt auf Ihrem Programm?

Dietl: Mario Barth habe ich noch nie gesehen - ich habe beschlossen, ihn nach meinem Tod täglich anzuschauen. Schmidt schaue ich gelegentlich, denn für Harald habe ich eine Schwäche, der ist ein Zyniker reinsten Wassers.

Wie sind Sie vom Kettenraucher zum Nichtraucher geworden?

Dietl: Wenn man wie ich über 100 Zigaretten am Tag geraucht hat, kommt irgendwann der Moment, wo man spürt, dass man das nicht mehr lange aushält. Die Tochter von Katharina Thalbach hat mir Champix empfohlen. Diese Raucherpille hat mir geholfen, die Entzugserscheinungen zu ertragen - aber es war trotzdem eine grausame Zeit.

"Zettl" läuft morgen im Cinestar und Passage (beide Sb) und im Movieworld (Sls) an.

Filmkritik morgen in unserer Beilage treffregion.

AUF EINEN BLICK:

Weitere Filmstarts diese Woche: In der Camera Zwo (Sb) läuft der für den Oscar nominierte Spionage-Thriller "Dame, König, As, Spion" mit Gary Oldman und Colin Firth an. Oscar-reifes Kino gibt es auch im Cinestar (Sb) mit Brad Pitt als Baseball-Manager in "Die Kunst zu gewinnen - Moneyball". Im Filmhaus Saarbrücken starten drei neue Filme: die Dokumentationen "Wader Wecker Vaterland" und "Wiederkehr - My Reincarnation" (OmU) sowie die israelische Coming-of-Age-Geschichte "Ein Sommer in Haifa" (OmU). In mehreren Kinos laufen die Komödie "Sex On The Beach" sowie der Vampir-Streifen "Underworld Awakening" an. red

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