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Wandlung eines Scharfmachers
Söder gibt schon jetzt den Landesvater

Markus Söder.
Markus Söder. FOTO: Nicolas Armer / dpa
Bad Staffelstein (dpa) Der neue Markus Söder wurde am Abend des 24. September geboren. Um kurz nach 18.00 Uhr, als klar ist, dass die CSU ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl seit 1949 eingefahren hat. Denn ab sofort darf der ehrgeizige Franke wieder auf seinen langgehegten Traumposten hoffen: Ministerpräsident von Bayern.

Knapp vier Monate später hat er das Amt zwar noch immer nicht übernommen, es trennt ihn davon aber nicht mehr wie früher ein schier übermächtiger Parteichef Horst Seehofer, sondern nur noch ein rein formeller Akt und das Ende der Berliner Regierungsfindung. Bis Ende März soll – so der Plan – aber auch das geklärt sein. Das Leben des Politikers Söder hat sich schon jetzt massiv verändert. Und nicht nur das. Auch Söders Auftreten hat sich verändert. Seine Wahrnehmung ist aber noch die alte: Nur 53 Prozent der Bayern halten ihn für sympathisch. 71 Prozent geben an, dass Söder polarisiere.


Trotzdem – der neue Söder ist leiser. Nicht nur wenn er spricht, sondern auch in dem, was er sagt – verbale Angriffe gegen Freund und Feind sucht man seit Monaten vergebens. Stattdessen schlägt Söder lieber sanfte Töne an, mancher in seiner Partei attestiert ihm schon einen landesväterlichen Duktus. Dazu gehört übrigens auch, dass er sich Sätze verkneift und schweigt und dass er, wie einst Edmund Stoiber, im Wahlkampf den Fokus auf die „kleinen Leute“ setzen will.

„Da wandelt sich jemand“, sagt ein Mitglied des CSU-Vorstands. Um ein erfolgreicher Ministerpräsident für alle Bayern zu werden, so sein eigenes Ziel, ist das auch notwendig. Als Hardliner und akribischer Arbeiter hat er sich seit seinem Einzug in den Landtag 1994 zwar Respekt erworben. Gleichzeitig gilt er auch deshalb aber als Scharfmacher, Populist, Provokateur, Rechtsaußen.

Bei der Klausur der CSU-Landtagsfraktion im oberfränkischen Kloster Banz ist der neue Söder gut zu beobachten: Als er am Montag ankommt, beantwortet er mit verschränkten Händen vor dem Bauch geduldig alle Fragen der Presse, spricht langsam und deutlich von dem, was die Bayern unter Heimat verstehen, von Respekt und Würde, aber auch von notwendigen Auseinandersetzungen mit AfD und Co. ohne Angst.

Wie gut Söder schweigen kann, zeigte sich während des Machtkampfes mit Seehofer zwischen Bundestagswahl und Parteitag, als kaum etwas von ihm zu hören ist. Bis heute ist offen, welche Rolle er bei der Revolte gespielt hat. Nur einmal lässt er sich von seinen Gefühlen übermannen. Als die Junge Union Seehofers Rücktritt fordert, lobt er die Rebellen als „Rückgrat in der Partei“.



Dies alles erscheint in diesen Tagen von Banz weit weg. Söder gibt sich gut gelaunt, ein Spitzenkandidat zum Anfassen, immer ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte und mit klarem Kompass. Zum Abschluss am Donnerstag präsentiert er seinen Zehn-Punkte-Plan, der alle wichtigen Felder anreißt: Pflege, Sicherheit, Asyl, Wohnen, Agrar, Umwelt.

Die teils hunderte Millionen Euro teuren Lösungsansätze kommen in der CSU gut an und dürften auch die konservative Klientel ansprechen, die der CSU in den letzten Monaten etwas untreu geworden ist. Da dürfte es kaum stören, dass etwa die angekündigte bayerische Grenzpolizei nur eine Umorganisation ist. Der Stratege Söder hofft aber, dass seine emotionale Botschaft hängen bleibt: „Wir kümmern uns um Bayern.“

Dazu passend hat Söder in Banz auch für seine Kritiker eine Botschaft parat: Künftig sollen Ministerpräsidenten in Bayern nur noch maximal zehn Jahre amtieren dürfen. Mit einer Änderung der Verfassung könne die Distanz zu den Politikverdrossenen wieder verkleinert werden. Sogar die Opposition im Landtag bricht sogleich in Jubel aus. Dem alten Söder wäre so was nicht passiert.