Die italienische Riviera, das Traumziel der 1950er, erlebt ein Revival

Urlaub in den 50er Jahren : Als Opa im VW-Käfer nach Rimini fuhr

Die in den 50er Jahren bei deutschen Urlaubern beliebte italienische Riviera geriet in Vergessenheit. Kommt jetzt das Revival?

Feiner, gelber Sand, wohin man blickt. Davor das Meer, dahinter Buden mit Pizza, Pasta und Panini. Die Adria-Küste zwischen Cesenatico, Rimini und Cattolica war einst das Traumziel der Nachkriegszeit, sozusagen die Seychellen der 1950er Jahre.

Der VW-Käfer schaffte es problemlos von Hannover, Frankfurt oder München bis an die nördliche Adria-Küste, Gepäck inclusive. Was brauchte man schon außer Badezeug, Strandkleid und Sonnenhut? Sandalen kaufte man vor Ort, denn in Italien waren sie sowieso eleganter. Conny Froboess trällerte: „Eine Reise in den Süden ist für viele schick und fein“ und Rudi Schuricke beschwor die rote Sonne, die bei Capri im Meer versinkt. Egal, ob Capri oder Rimini – Hauptsache Italien, das war die Devise.

Urlauber verlangten weder nach Kidsclubs noch nach Shiatsu-Massagen. Ein breiter Strand und abends Dolce Vita, das genügte. Kein Wunder, dass Federico Fellini, der aus Rimini stammte, einen seiner berühmtesten Filme „La dolce vita“ nannte. Unvergessen, wie Marcello Mastroianni mit der blonden Anita Ekberg in den Trevi Brunnen in Rom steigt. Wollte man heutzutage eine solche Aktion wiederholen, wären glatt 1500 Euro Strafe fällig. Es gibt in Italien einfach zu viele Touristen, die auf dumme Ideen kommen.

Die 50er und 60er Jahre, das war eine tolle Zeit, die Mirco Ramilli, der mit Mutter und Schwester gegenüber vom Grand Hotel in Rimini ein Strandareal bewirtschaftet, nur noch vom Hörensagen kennt. Als Mirco vor 36 Jahren geboren wurde, machten sich die Deutschen schon rar an der Adria-Küste. Rimini galt als spießig und hatte ausgedient, außerdem klebte diesem Küstenabschnitt der Spitzname „Teutonengrill“ an. Damit wollten sich die Urlauber nicht mehr identifizieren.

Statt in den VW-Käfer stiegen die Deutschen jetzt ins Flugzeug, um auf Mallorca, Gran Canaria oder auf Kreta Urlaub zu machen. Die Ansprüche waren gestiegen, und nur mit Sand und Spaghetti konnte man die Nachkommen der Kriegsgeneration nicht mehr locken. Und auch deren Kinder kamen nicht zurück, die buchen lieber Kreuzfahrten oder Tauchurlaub in Hurghada.

Und so sind es hauptsächlich Einheimische, die sich bei Mirco im Bagno Numero 10 einen schönen Tag am Meer machen wollen. 120 sauber aufgerichtete Schirme und 240 nach Süden hin orientierte Liegen stehen auf pieksauberem Sand. Mirco ist stolz auf sein kleines Reich. Kommt ein Kind mit einer Qualle in Kontakt oder ritzt sich die Haut an der Rückenflosse eines Fisches auf, ist Mirco zur Stelle. Er leistet erste Hilfe, ist Rettungsschwimmer und bringt Getränke an die Liegen.

Von März bis Ende September ist er, der bagnino, immer im Dienst, es gibt für ihn keine Sonn- und Feiertage. Deshalb versteht er nicht, warum die italienischen Bezahlstrände im Ausland keine gute Presse haben. Sogar die EU habe sich den sehr italienischen Erwerbszweig des „Bezahlstrandes“ vorgeknöpft: „Die wollen, dass wir verschwinden“, ärgert sich Mirco, „sie sehen nicht, dass es in Italien Tausende von Familien gibt, die davon leben. Es ist ein wichtiger Erwerbszweig“. Auch Schirme und Liegen kommen beispielsweise nicht aus China, sondern werden von einem kleinen Familienbetrieb im Hinterland angefertig.

Es ist ein typisch italienisches Geschäftsmodell: Man kauft eine zeitlich befristete Konzession vom Staat mit der Erlaubnis zur Bewirtschaftung eines Strandabschnittes – und schon kann man loslegen. Ein Strandtag bei Mirco kostet 25 Euro für zwei Personen, für zwei Liegen plus Schirm. Für die volle Saison in der ersten Reihe legt man pro Person 850 Euro hin. Ist das nun viel oder wenig? Mirco sagt, es sei für Italiener in Ordnung, für „Nordländer“ natürlich viel zu hoch, die wollten ja eigentlich gar nichts bezahlen.

Warum das so ist? Mirco gibt als Erklärung einen kleinen Einblick in italienische Urlaubssitten, die sich von denen anderer Länder grundlegend unterscheiden. „Früher fuhren nur die Frauen mit den Kindern in die Ferien, sie trafen am Meer ihre Mutter, die Schwestern und Cousinen. Die Männer arbeiteten und kamen höchstens ein paar Tage dazu“, erklärt Mirco, „deshalb ist Strandurlaub in Italien in erster Linie etwas für Frauen und Kinder gewesen. Und die wollen es nun mal sauber und sicher haben.“

Der bagnino sorgt also für einen unbeschwerten Tag, hat ein Auge auf die Kinder und lässt niemanden auf sein Areal, den er nicht kennt, so dass man seine Taschen stundenlang liegen lassen kann, wenn man mit den Kindern mal länger essen geht. Luxus, das sei Sorglosigkeit, betont Mirco, „und diesen Luxus lieben die Italiener, sie wollen sich nicht den Kopf zerbrechen ob sie noch eine freie Liege finden, ob Sandflöhe beißen oder Diebe lauern. Sie bezahlen und ich garantiere für einen schönen Tag ohne böse Überraschungen.“

Mirco ­Ramilli bewirtschaftet mit Mutter und Schwester einen Strandabschnitt. Foto: Christine Maack
In den Urlaub mit dem eigenen Auto – das galt in den 1950er und 60er Jahren als besonders schick. Foto: dpa/-

 Der Strand von Rimini, einst Symbol für den Massentourismus der Nachkriegszeit, ist heute so aus der Zeit gefallen, dass er wieder modern ist. Hier hat man seine Ruhe, wird nicht überrannt, ohne Gerummel, ohne Lärm – man kann das Leben genießen wie einst die Großeltern. La dolce vita kehrt auf Umwegen doch noch irgendwie zurück. Und der bagnino passt auf alles auf.