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IOC sollen Milliarden-Einnahmen anders verteilen
„Beteiligung von Sportlern ist ein klares Ziel“

Max Hartung gehört zu den besten Säbelfechtern der Welt. Der 28-Jährige aus Aachen ist zudem Vorsitzender der Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes.
Max Hartung gehört zu den besten Säbelfechtern der Welt. Der 28-Jährige aus Aachen ist zudem Vorsitzender der Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes. FOTO: dpa
Lausanne. Delegation um deutschen Athletensprecher ist heute beim IOC in Lausanne. Milliarden-Einnahmen sollen anders verteilt werden. sid

Athletensprecher Max Hartung und eine Abordnung deutscher Sportler kommen heute einer Einladung von Präsident Thomas Bach ins Hauptquartier des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne nach. Hintergrund des Treffens ist die Forderung der Athleten, mit 25 Prozent direkt an allen IOC-Einnahmen beteiligt zu werden. Im Interview macht Hartung deutlich, dass er und seine Kollegen nicht als kleine Bittsteller und nur zum Kaffeetrinken in die Schweiz reisen werden.


Herr Hartung, Sie und einige Athleten sind vom IOC-Präsidenten Thomas Bach nach Lausanne eingeladen worden. Wie ist es dazu gekommen?

MAX HARTUNG Das Bundeskartellamt prüft derzeit, ob das IOC stellvertretend durch den Deutschen Olympischen Sportbund die Sportler über Gebühr einschränkt in ihrer Freiheit, sich selbst zu vermarkten und sich selbst zu bewerben bei Olympischen Spielen. Die Werbebeschränkungen sind geregelt in der Regel 40 der Olympischen Charta. Da haben wir gesagt, das kann ja nicht sein, dass so eine Diskussion stattfindet, ohne dass wir Athleten beteiligt sind. Also haben wir uns beiladen lassen in dem Kartellverfahren und haben die Stellungnahme, die wir dem Kartellamt gegeben haben, auch in einem offenen Brief nach Lausanne geschickt, adressiert an Thomas Bach. Daraufhin kam dann auch postwendend eine Einladung.



Die Forderungen in dem offenen Brief haben es in sich.

HARTUNG Die Athleten sollen direkt mit 25 Prozent an den Einnahmen bei Olympischen Spielen beteiligt werden. Zusätzlich sollen zehn Prozent direkt in den weltweiten Anti-Doping-Kampf, sprich an die Welt-Anti-Doping-Agentur fließen.

Was erwarten Sie in Lausanne?

HARTUNG Zunächst mal ist es positiv, dass wir diese Einladung erhalten haben. Wir werden anscheinend ernst genommen. Etliche internationale Athletenvertreter, zum Beispiel aus den USA, Kanada und England, sind daraufhin auf uns zugekommen und haben gesagt, wie wichtig und spannend sie das Thema finden. Es kamen Anfragen, bei dem Termin in Lausanne dabei zu sein, und diese Anfragen haben wir gerne an das IOC weitergeleitet.

Wird es also voll werden im IOC-Hauptquartier?

HARTUNG Aus welchen Gründen auch immer war es nicht erwünscht, dass die Diskussion an diesem Tag international geführt wird. Obwohl auch Kirsty Coventry, die Vorsitzende der IOC-Athletenkommission, anwesend sein wird und somit ohnehin eine internationale Perspektive bei diesem Gespräch besteht. Aber nun werden wir halt mit einer rein deutschen Delegation nach Lausanne reisen. Ich hoffe, dass wir durch unseren Besuch eine breit angelegte, internationale Diskussion auslösen werden.

Das IOC argumentiert, dass es angeblich 90 Prozent seines Gewinns über das Programm „Olympic Solidarity“ weltweit an die Nationalen Olympischen Komitees weiterleitet. Was passt Ihnen nicht an diesem Status quo?

HARTUNG Zwei der Grundwerte, die das IOC immer wieder benennt, sind Respekt und Solidarität. Wir Sportler verstehen auch dieses Solidaritätsmodell, das Athleten aus ärmeren Ländern hilft, bei dem es in internationalen Verbänden aber auch Korruption und Misswirtschaft gibt und das Geld manchmal nicht bei denen ankommt, die es verdienen. Es sollte mehr Respekt herrschen gegenüber den Athleten und deren Leistungen. Sie sind vor Ort, sie liefern die Bilder. Die Regel 40 stammt zudem aus einer Zeit, in der ein ehrenamtliches Engagement aller Beteiligten gang und gäbe war. Nun werden Milliardeneinnahmen erzielt, und ich denke, dann kann man darüber reden, dass die Menschen, die wesentlich zu diesem Profit beitragen, nämlich Athleten und auch Trainer, besser honoriert werden müssen.

Was erwarten Sie von dem Treffen?

HARTUNG Wir gehen ergebnisoffen in das Gespräch und erhoffen uns eine echte Diskussion und nicht nur eine Ausführung über das bestehende Solidaritätsmodell. Das IOC hatte seit der Einladung im Frühsommer Zeit genug, darüber nachzudenken, wie wir Ideen umsetzen können. Wir werden nicht starr auf einer Dollarzahl beharren, aber eine Beteiligung für die Sportler ist mittelfristig ein klares und deutliches Ziel. Eine Beteiligung muss natürlich nicht nur auf die Olympischen Spiele begrenzt sein, ich kann mir das auch bei Weltmeisterschaften der Fachverbände vorstellen. Eine Regelung von ganz oben, dass Athleten stärker zu beteiligen sind, wäre wünschenswert. Wenn Athleten ihre Bildrechte abgeben, sollen sie entweder eigene Werbeflächen bekommen oder eben finanzielle Zuwendungen.

Sollte das IOC nicht mitspielen, inwieweit sind Sie bereit, Druck auszuüben?

HARTUNG Wir arbeiten gerade vor allem national, aber auch international sehr hart daran, die Sportler besser zu vernetzen. Diese Vernetzung wird uns in die Lage versetzen, mit einer stärkeren Verhandlungsposition in solche Gespräche zu gehen – wenn es gut läuft, auch international. Die Durchsetzungskraft dieser wichtigen Gruppe, ohne die es keine Fernsehbilder geben würde, wird größer. Das leere Fernsehbild lässt sich schlecht verkaufen.

Drohen Sie gerade mit einem Athletenstreik?

HARTUNG Es sollte gar nicht so weit kommen, mit Drohpotenzialen hantieren zu müssen. Thomas Bach und das IOC haben ein Interesse daran, dass die Sportler Botschafter sind, die Respekt vor dem IOC und Vertrauen in das IOC haben. Es muss auch noch Leute geben, die den Kindheitstraum Olympische Spiele transportieren können. Das ist nötig, um überhaupt den Fortbestand der Olympischen Spiele zu sichern. Ein gutes Verhältnis zwischen IOC und den Sportlern ist sehr, sehr wichtig. Und dass Sportler irgendwann rote Linien ziehen und sagen, unter den gegebenen Umständen können wir nicht antreten, finde ich legitim.

Denken Sie, dass es in diesem Punkt jemals einen Konsens im Athletenkreis geben kann?

HARTUNG Der nationale und internationale Austausch unter Sportlern ist wichtig. Ein Beispiel für eine rote Linie gab es bei den Winterspielen in Pyeongchang. Es gab extrem gefährliche Bedingungen bei Snowboard-Rennen, am Ende sind aber trotzdem alle gefahren. Wenn die Sportler die Möglichkeit gehabt hätten, sich untereinander abzustimmen, hätte es möglicherweise eine andere Lösung gegeben, und das Rennen wäre verschoben, entschärft oder abgesagt worden.

Gibt es aus Ihrer Sicht noch andere rote Linien?

HARTUNG Ähnlich sehe ich das für Bereiche, in denen Wettkämpfe ausgetragen werden mit Sportlern, die am Ende des Tages keine Chance haben, ihren Lebensunterhalt davon bestreiten zu können. Da kann ich mir einen internationalen Zusammenschluss von Sportlern sehr gut vorstellen, die dann ihre Mindestanforderungen an den Wettkampf formulieren, um daran teilzunehmen. Eine Alternative wäre natürlich auch eine Teilnahme an anderen Sportformaten und Organisationsformen. Das IOC sollte ein Interesse daran haben, den Sportlern ein attraktives Angebot zu machen, damit alle weiterhin sagen: Olympia ist und bleibt die Nummer eins in meinem Wettkampfkalender.

Die Fragen stellte sid-Mitarbeiter Jörg Mebus.