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Ofenmuseum
Ein Blick auf die Nachkriegs-Notkultur

Maria Lengler hält ein Care Paket vom Juni 1945 in der Hand. Diese Pakete wurden von den Rosinenbombern über Berlin abgeworfen und retteten mehr als 10 000 Menschen vor dem sicheren Hungertod.
Maria Lengler hält ein Care Paket vom Juni 1945 in der Hand. Diese Pakete wurden von den Rosinenbombern über Berlin abgeworfen und retteten mehr als 10 000 Menschen vor dem sicheren Hungertod. FOTO: Gerhard Müller
Reichenbach/Gronig. Im Reichenbacher Ofenmuseum ist jetzt zu sehen, wie nach dem Krieg aus Kriegsgerät Alltagsgegenstände wurden.

Seit den Osterfeiertagen hat das Ofenmuseum in Reichenbach wieder seine Pforten geöffnet. Bei kostenlosem Eintritt kann das von Maria und Wolfgang Lengler betriebene Museum jeweils sonntags und an Feiertagen in der Zeit von 10 bis 17 Uhr bis zum Reichenbacher Weihnachtsmarkt besichtigt werden. Die Lenglers haben in diesem Jahr zu dem Thema „Nachkriegskultur – Wie aus Kriegsgerät Alltagsgegenstände wurden“ eine  Ausstellung zusammengestellt. Die Ausstellung, die im Nebenraum des Museums aufgebaut ist, spannt einen  Bogen von den Wirren des Zweiten Weltkrieges bis zur sinnvollen Verwendung von nicht mehr benötigtem Kriegsgerät.


Die Sonderausstellung zeigt seltene Alltagsgegenstände aus der oft schon vergessenen Nachkriegs-Notkultur, einer Zeit, in der Millionen von Menschen in bitterster Armut lebten. Zu sehen sind zwei originale Care-Pakete, die als Symbol der Hoffnung oder als Geschenk des Himmels betitelt wurden. Die Care-Pakete waren Nahrungsmittelpakete, die die Amerikaner  nach Westdeutschland brachten. Über die Berliner Luftbrücke wurden davon drei Millionen nach West-Berlin gebracht. Die „Rosinenbomber“ versorgten 100 000 Berliner und konnten so mindestens 10 000 Menschen vor dem Hungerstod retten. Einige, ganz seltene Fotos, die von den Landsern selbst während des Krieges aufgenommen wurden, zeigen, in welcher Tristesse so mancher Soldat seine letzte Ruhestätte fand.

Die Trümmerfrauen finden in einem Modell einen Platz in einer Vitrine. Zum Bild der Nachkriegszeit gehörte auch der Strom von Flüchtlingen, Ausgebombten und Vertriebenen, die oft orientierungslos umherirrten. Meist waren sie nur mit einem kleinen Handwagen unterwegs, Kinderwagen oder eben nur ein Rucksack mit ihren letzten verbliebenen Habseligkeiten. Hunger Kälte, Ungewissheit, Trauer und Not bestimmten den Alltag der Menschen, die im Nachkriegsdeutschland unerwünscht waren. Auch dieses düstere Kapitel der Nachkriegszeit wird mit ein paar Fotos, auf denen man die Angst der Flüchtlinge gut erkennen kann, vertieft

Während des Zweiten Weltkrieges war die Wirtschaft fast vollständig auf die Produktion von Rüstungsprodukten umgestellt, für die es nach Kriegsende keinen Markt mehr gab. Für zivile Produkte fehlten die Rohstoffe. Aus der Not und dem unerschütterlichen Überlebenswillen, der Gesellschaft der Überlebenden wurde der allernotwendigste Hausrat aus den Kriegshinterlassenschaften gebastelt und umgebaut. Kriegsgerätschaften wurden zu zivilen, friedlichen Gebrauchsgegenständen umfunktioniert. Solche Beispiele sind im Ofenmuseum ausgestellt. Englische, russische oder auch deutsche Stahlhelme wurden zu Kochtöpfen, Nachttöpfen, Jaucheschöpfer oder zu einer Küchenseihe umgewandelt. Patronenhülsen mussten zu Zinken von Gartenrechen herhalten und aus einem Nothek Tarnscheinwerfer wurde ein Bügeleisenuntersetzer. Gehäusen von Gasmasken wandelte man zu Milchkannen um. Aus Teilen einer Stielhandgranate 43 wurden Tassen und Becher hergestellt. Aus der Filtereinheit einer Volksgasmaske entstand ein Heberschaumlöffel und so wurde die Petroleumlampe erfunden. Kinderschuhe fertigten die  Erfinder aus Hosenbund, Schulterklappen und Tarnzeltplanen.

Die Ausstellung soll auch aufzeigen, wie wichtig es ist, Kriege zu verhindern. In der eigentlichen Ausstellungshalle, die um zwei erstmals gezeigte Öfen erweitert wurde, sind nach wie vor etwa 40 antike Öfen aus drei Jahrhunderten und  Industriegemälde zu sehen. Zum einen ein Bilderofen, gebaut um 1810, mit drei bunten, sehr guterhaltenen emaillierten Motivkacheln, auf denen eine Seenlandschaft mit einer Kapelle und einem Wanderer dargestellt sind. Der  gut gepflegte Ofen, auch Füll und Regulierofen genannt, ist mit einer vernickelten Schuhklappe ausgestattet. Hergestellt wurde er vor mehr als 200 Jahren in der Ofenfabrik Neufang in Kaiserslautern. Der zweite Ofen ist eine ganz besondere Rarität: Der Rund- und Schrank-
ofen wird in der Branche oft als Möbelofen bezeichnet. Das in der Gründerzeit um 1870 entstandene Exponat wurde erst kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres von der Familie Lengler erworben. Zwei Besonderheiten weist der äußerst seltene Ofen auf. Zum einen wird das zwei Zentner schwere Teil durch seine vielen Verzierungen zu einem echten optischen Hingucker. Andererseits glänzt der zweiteilige Ofen durch seine vielseitige Verwendbarkeit. Im Schrankofen kann sowohl Essen warmgehalten als auch gekocht werden. Auf der Ofenfläche kann gleichzeitig Wasser in mehreren Kesseln aufgeheizt werden. Die Lenglers, die im saarländischen Gronig leben, hoffen mit dieser geschichtsträchtigen und historischen Sonderausstellung auch das Interesse der Besucher zu wecken, die der Ofenausstellung bereits einen Besuch abgestattet haben.