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Lehrling statt Kunde bei der Arbeitsagentur

Ausbildung : Lehrling statt Kunde bei der Arbeitsagentur

Gewöhnlich gilt sie als Vermittlerin von Ausbildungsplätzen. Doch die Arbeitsagentur ist für viele Jugendliche auch als Ausbilder aktiv.

Viele Schüler, die eine Ausbildung suchen, gehen erst einmal zur Arbeitsagentur. Um sich zu informieren, Berufe kennenzulernen, eine passende Lehrstelle zu finden. Manche werden schon bei diesem Besuch fündig. Dann ist die Arbeitsagentur plötzlich nicht mehr Berater, sondern potenzieller Ausbilder. Wie beispielsweise bei Vanessa Castello, die im Berufsinformationszentrum angesprochen wurde, ob sie sich nicht eine Ausbildung direkt bei der Arbeitsagentur vorstellen könnte.

„Viele Menschen wissen gar nicht, dass die Arbeitsagentur nicht nur vermittelt, sondern auch selber ausbildet“, sagt Christiane Lauer, Sprecherin der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit. „Fachangestellte für Arbeitsmarktdienstleistungen“ dürfen sich die 34 Auszubildenden am Ende ihrer dreijährigen dualen Ausbildung nennen, die aktuell bei der saarländischen Arbeitsagentur beschäftigt sind.

„Eine Plakette für den coolsten Arbeitsplatz im Freundeskreis bekommt man nicht“, beschreibt Joshua Bosche das Image des Berufs. Erst einmal seien die Vorteile eine sichere Arbeitsstelle im öffentlichen Dienst und gute Aufstiegsmöglichkeiten. Doch der Job sei letztlich viel interessanter, als es auf den ersten Blick scheine. „Es gibt ganz viele Bereiche, die wir durchlaufen.“ Wem die Verwaltung liege, der könne sich dafür entscheiden. Wer mehr mit Menschen zu tun haben will, wie der Azubi René Marx, der habe auch dort Möglichkeiten. „Der Kontakt zu den Kunden ist mir in meiner Arbeit wichtig, weil ich gerne mit Menschen arbeite“, sagt Marx.

Wie sie zu der Ausbildung gekommen sind? Die Azubis des aktuell zweiten Lehrjahrs erzählen unterschiedlichste Geschichten. Dilan Karaus beispielsweise sagt, dass sie ihren Vater als Kunden zur Agentur begleitet hat. „Die Berater fand ich sehr nett und konnte mir dann nach der Schule vorstellen, das auch selber zu machen“, sagt sie. Andere wie Aylin Sahn haben den Kontakt über ein Orientierungspraktikum bekommen und so Geschmack an der Ausbildung gefunden. Jan Appel wiederum hatte bereits zu studieren begonnen, dann aber abgebrochen und über die Berufsberatung die Möglichkeit einer Lehre kennengelernt.

Letztlich sei es mit fast jedem Schulabschluss möglich, die Ausbildung zu machen, sagt Luigia Tedesco, Teamleiterin des Bereichs Ausbildung und Qualifizierung. „Wer diese dann abgeschlossen hat, ist qualifiziert für die Ebene der Fachassistenz“, sagt sie. Das seien mittelschwere Tätigkeiten, zu denen unter anderem die Bearbeitung von Erst­anträgen gehörten, aber auch die Arbeit in der internen Verwaltung. Als Jobvermittler allerdings würden die Absolventen nicht arbeiten. Dafür sei ein eigenes Studium nötig. „Aber die Absolventen können sich auch nach der Ausbildung weiter qualifizieren“, sagt Tedesco.

Ganz so entspannt wie ein normaler Bürojob in der öffentlichen Verwaltung ist die Tätigkeit in der Arbeitsagentur nicht immer. Den Azubis ist bewusst, dass es in den Agenturen und Jobcentern auch mal zu Konflikten kommen kann. Sie werden sogar speziell in Konfliktverhalten und Deeskalationstechniken geschult. „Es ist ein Beruf, bei dem man gut mit Menschen umgehen können muss“, sagt Joshua Bosche. Diese Fähigkeit sei aber auch schon im Vorstellungsgespräch geprüft worden. „Wir mussten in Rollenspielen zeigen, wie wir in bestimmten Situationen handeln würden“, sagt er. Wer sich da nicht souverän zeigte, sei gar nicht aufgenommen worden.

Obwohl sie noch ein Jahr vor sich haben, zeigen sich bereits Vorlieben der Azubis: Aylin Sahn möchte beispielsweise künftig im Jobcenter arbeiten, weil sie Spaß an der Arbeit mit den Kunden hat. „Weil sie alle eben ganz unterschiedliche Anliegen haben.“ Lea Felsner sieht sich eher in der Leistungsabteilung, wo es darum geht, immer anders gelagerte Anträge zu bearbeiten und Informationen zusammenzutragen. Und Jan Appel würde gerne, wie er es schon im Studium angestrebt hatte, im Bereich Personal arbeiten.

Dass die Arbeit, vor allem im Jobcenter auch sehr belastend sein kann, weil es ja auch um menschliche Schicksale geht, sieht Joshua Bosche pragmatisch: „Am Ende geht es ja darum, egal ob im Jobcenter oder in der Agentur, gemeinsam das Ziel zu erreichen, den Kunden wieder in Arbeit zu bringen. Und das ist ja positiv.“