Wie Imame gegen Christen hetzen

Dubai. Es begann mit einer Plastiktüte voll Müll: Rimsha Masih, ein kleines christliches Mädchen in einem Slum nahe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad trug Abfälle durch ihre Siedlung, als sie ein muslimischer Junge stoppte, um den Inhalt der Tüte in der nahen Moschee inspizieren zu lassen. Mullah Hafiz Mohammed Khalid Chishti befand, der Inhalt stelle einen Akt der Blasphemie dar

Dubai. Es begann mit einer Plastiktüte voll Müll: Rimsha Masih, ein kleines christliches Mädchen in einem Slum nahe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad trug Abfälle durch ihre Siedlung, als sie ein muslimischer Junge stoppte, um den Inhalt der Tüte in der nahen Moschee inspizieren zu lassen. Mullah Hafiz Mohammed Khalid Chishti befand, der Inhalt stelle einen Akt der Blasphemie dar. Doch um sicher zu gehen, steckte er offenbar noch ein paar angekohlte Seite aus dem Koran hinzu. Mit den Lautsprechern der Moschee rief Chishti danach eine Menschenmenge zusammen, die sogleich aufgebracht Rimshas Haus stürmten, sie und ihre Mutter verprügelten. Die Polizei nahm die Christin sofort fest.

Erst das spektakuläre Eingeständnis eines anderen Geistlichen, dass der Mullah der Christin mit Absicht die Koran-Seiten untergeschoben hatte, brachten eine Wende. In einem ungewöhnlichen Schritt urteilte ein Gericht am Freitag, das Mädchen auf Kaution freizulassen. Das strenge Blasphemie-Gesetz schließt eine solche Haftverschonung eigentlich aus. Zum Missbrauch aber lädt das Gesetz geradezu ein. In Pakistan gibt es kaum eine einfachere Möglichkeit, missliebige Kontrahenten aus dem Verkehr zu ziehen, als ihnen Gotteslästerung anzuhängen.

Dass ein solcher Fall sich ausgerechnet in Mehrabad abspielen konnte, erstaunt jedoch in Pakistan viele. Es ist eines der wenigen Elendsviertel um Pakistans grüne und beschauliche Hauptstadt, wo Christen und Muslime Haus an Haus nebeneinander wohnen - seit mehr als 20 Jahren. Vor weniger als einem Jahr haben die Muslime dort den Christen geholfen, eine Kirche zu bauen. Das Verhältnis der beiden Religionsgruppen gilt als gut. Die christlichen Bewohner fühlten sich hier sicher.

Doch genau dies schien das Problem für Mullah Chishti zu sein. Dem Geistlichen der örtlichen Moschee waren die christlichen Bewohner schon lange ein Dorn im Auge. Ein paar Tage, bevor er verhaftet wurde, weil er Rimsha die verbrannten Seiten aus der heiligen Schrift untergeschoben hatte, zog er in Fernseh-Interviews gegen die Christen ins Feld: "Dies ist ein islamisches Land. Allah hat es uns gegeben. Wenn diese Christen während der Gebetszeit Lärm machen, dann soll man sie auffordern, zu gehen."

Noch vor zehn Jahren war die Rolle der Mullahs in Pakistan weitgehend auf religiöse Ämter beschränkt. Doch inzwischen haben sich Moscheen in kleine Hauptquartiere eines religiösen Kampfes verwandelt. In Mehrabad waren es ausgerechnet Muslime, die als erste dem Hass-Prediger in die Parade fuhren. Denn das Land gehört muslimischen Eigentümern, die Hunderte von Hütten und anderen Behausungen an die Christen vermieten. Christen machen zwei Prozent der fast 180 Millionen Pakistaner aus. Sie sind meist sehr arm. Sie gelten als gute Mieter und gute Angestellte, die pünktlich zahlen und zuverlässig arbeiten.

Trotz allem sorgt der Fall Rimsha nicht für politische Bestrebungen, das Blasphemie-Gesetz zu ändern - von einer Aufhebung ganz zu schweigen. Toleranz ist kein Wesenszug, der Befürwortern des Gesetzes eigen ist. Die Extremisten bedienen sich eines Totschlagarguments: Weil das Gesetz ihrer Überzeugung nach von Gott selbst gemacht wurde, wäre jede Änderung Blasphemie - und damit eine Todsünde.