Sehen mit den Händen

Bexbach. Zaghaft streckt Silvia Hame den Finger aus. Mit der Spitze will sie den einen Spatel mit hautfarbener Flüssigkeit darauf berühren. Hoppla, daneben. Ein paar Spritzer landen auf dem Tisch. Die Frau lacht. Eine helfende Hand führt den Finger an die richtige Stelle. "Eins, zwei, drei", zählt Silvia Hame leise mit und tupft ebenso oft an das Stäbchen

Bexbach. Zaghaft streckt Silvia Hame den Finger aus. Mit der Spitze will sie den einen Spatel mit hautfarbener Flüssigkeit darauf berühren. Hoppla, daneben. Ein paar Spritzer landen auf dem Tisch. Die Frau lacht. Eine helfende Hand führt den Finger an die richtige Stelle. "Eins, zwei, drei", zählt Silvia Hame leise mit und tupft ebenso oft an das Stäbchen. Dann beginnt sie vorsichtig, das Make-up auf ihrem Gesicht zu verteilen - von der Stirn über die Schläfen und die Wangen bis zum Kinn. "Das haben Sie perfekt gemacht. Ich muss nichts korrigieren", sagt Steffi Nitzschke. Dem Urteil der Kosmetikerin muss Silvia Hame vertrauen. Sie kann das Ergebnis nicht sehen - sie ist blind.

Vier Frauen sind im Saarland die ersten Mutigen, die sich an das Experiment "Schminken für Blinde und Seebehinderte" trauen. Monika Ferdinand und Steffi Nitzschke vom Bundesverband deutscher Kosmetiker und Kosmetikerinnen (BDK) zeigen ihnen Techniken, die möglich machen, was zunächst unmöglich scheint. Die Frauen lernen, auch beim Schminken mit dem Tastsinn auszugleichen, was sie nicht sehen. Der BDK und der Berliner Visagist René Koch haben den Kurs "Blind Date" bundesweit ins Leben gerufen.

Bevor es losgeht mit Make-up, Lippenstift und Lidschatten, dürfen sich die Damen erst einmal vertraut machen mit den Tiegeln, Dosen, Fläschchen und Pinseln, die sie gleich verwenden sollen. Monika Ferdinand reicht ein schwarzes Mäppchen in die Runde. Silvia Weißkircher lässt ihre Finger sanft über die Pinsel streichen, ertastet die verschiedenen Größen, fühlt die Borsten. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Sie trägt ein schwarzes, ärmelloses Kleid, dazu hochhackige Schuhe. Um den Hals hat sie einen knallroten Schal geschwungen, auf ihrem kastanienbraunen Haar sitzt ein kecker Sommerhut mit einem breiten schwarzen Band.

Eine modebewusste Frau, die jetzt auch lernen will, sich selbst zu schminken. "Ich halte oft Vorträge oder stehe auf der Bühne. Dabei will ich gut aussehen. Aber ich kann nicht jedes Mal zur Kosmetikerin gehen", sagt die 53-jährige Wing-Tsun-Lehrerin und Sängerin aus Merchweiler. Warum legt eine blinde Frau überhaupt so viel Wert auf ihr Äußeres? Die Frage drängt sich auf - und Silvia Weißkircher überrascht sie auch nicht. "Von den Eindrücken her lebe ich zwar in einer anderen Welt als Sehende. Aber als Person lebe ich trotzdem in ihrer Welt. Dort will ich geachtet werden, dort muss ich mir meinen Platz erobern", erklärt sie. "Außerdem steigert es auch bei einer blinden Frau das Selbstbewusstsein, gut auszusehen. Schließlich können andere mich doch sehen." Und ihre Blindheit gibt ihr sogar auch ungeahnte Freiheiten. "Mit diesem Hut würde ich mich in meinem Ort wohl nicht auf die Straße trauen, wenn ich die Reaktion der Leute sehen könnte", sagt sie lachend und greift an die breite Krempe. "Er ist irgendwie zu viel. Aber ich fühle mich gut damit."

Auch Silvia Hame kann nicht sehen, was sie trägt, egal ist es ihr deshalb aber nicht. "Es ist mir wichtig, dass die Farben zu mir passen", sagt die 47-Jährige aus St. Wendel. Mit ihrem kinnlangen roten Haar und den blauen Augen harmonieren Rock, Oberteil und Jacke in verschiedenen Türkis-Tönen. Dazu trägt sie Ohrringe und eine Halskette aus Perlen. "An Make-up habe ich mich bisher aber nicht rangetraut. Das hier ist für mich ein Experiment", gesteht sie. Eines, das bisher bestens funktioniert.

Für Silvia Hames Augen hat Steffi Nitzschke Lidschatten in einem Champagner-Ton und in Blau-Grau ausgesucht. Die helle Farbe hat die blinde Frau mit dem Finger auf das bewegliche Lid aufgetragen, die dunkle in die Lidfalte. Jetzt ist der Lippenstift dran. Eins, zwei, drei Mal tippt die Kosmetikerin Silvia Hame damit auf den Finger. Das Zählen verhindert, dass die Frauen zu viel Farbe verwenden. "Damit Sie die Konturen der Lippen besser einschätzen können, halten sie mit der anderen Hand einen Finger unter den Mund", erklärt Steffi Nitzschke. Gesagt, getan - kurze Zeit später hat Silvia Hame ihre Lippen in einem zarten Rot geschminkt. Ihr Make-up ist fertig. Auch ihr Mann, der sie begleitet hat, betrachtet sie gespannt. "Pass auf, dass du nicht zu viel machst, sonst erkenne ich dich nicht wieder", scherzt er. Alle lachen.

Überhaupt wird viel gelacht an diesem Nachmittag. "Das gefällt mir immer in den Kursen mit den blinden und sehbehinderten Damen. Sie haben viel Humor", sagt Monika Ferdinand. Die Teilnehmerinnen sind mit vollem Eifer, aber nicht mit vollem Ernst dabei - und das ist ein Glück. Denn freilich geht beim ersten Versuch auch mal was daneben. Trotzdem sind die Frauen schon sehr geschickt mit ihren Händen. "Am Anfang werden sie eine Vertrauensperson brauchen, der sie sich nach dem Schminken zeigen können", sagt Monika Ferdinand. "Aber mit der Zeit wird es immer leichter. Es ist wie beim Fahrradfahren: Übung macht den Meister. Ich kenne eine blinde Frau, die kann innerhalb von fünf Minuten ihr ganzes Make-up auflegen."

Die größte Herausforderung ist die Wimperntusche. Aber Silvia Weißkircher wagt es. "Deshalb bin ich ja hier", sagt sie lachend. Monika Ferdinand legt ein hellgrünes Kästchen offen auf den Tisch. Silvia Weißkircher erkundet es mit der Hand. Eine kleine Bürste und ein runder, flacher Stein in tiefem Schwarz. "Und hier", sagt Monika Ferdinand und führt den Finger der blinden Frau, "ist eine Vertiefung für ein paar Tropfen Wasser. Damit befeuchten wir die Wimperntusche." Vorsichtig nimmt Silvia Weißkircher die Bürste in die Hand. Mit Hilfe der Kosmetikerin taucht sie sie kurz ins Wasser und fährt über den schwarzen Stein. "Jetzt halten Sie die Bürste unter das Auge und schließen es", erklärt Monika Ferdinand. Ein, zwei, drei Mal senkt Silvia Weißkircher die Lider - mit jedem Mal nehmen die Wimpern mehr schwarze Farbe auf. Dann wendet sie ihr Gesicht in die Runde. "Und?", fragt sie. Make-up perfekt! "Es ist wie

beim Fahrradfahren: Übung macht

den Meister."

Kosmetikerin

Monika Ferdinand