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Preis für den WeltbürgerDie offizielle Begründung für die Vergabe des Friedensnobelpreises

Preis für den WeltbürgerDie offizielle Begründung für die Vergabe des Friedensnobelpreises

Washington. Als der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, gegen sechs Uhr morgens Barack Obama die Nachricht aus Oslo überbrachte, verschlug es selbst dem sonst nicht um Worte verlegenen US-Präsidenten die Sprache. Er fühle sich durch die Ehre beschämt, heißt es in einer ersten Reaktion

Washington. Als der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, gegen sechs Uhr morgens Barack Obama die Nachricht aus Oslo überbrachte, verschlug es selbst dem sonst nicht um Worte verlegenen US-Präsidenten die Sprache. Er fühle sich durch die Ehre beschämt, heißt es in einer ersten Reaktion. Zog der 48-Jährige doch gerade erst vor neun Monaten ins Weiße Haus und erhält nun bereits eine Ehre, die vor ihm nur zwei anderen US-Präsidenten im Amt zuteil geworden war: Theodore Roosevelt 1906 und Woodrow Wilson 1919. Jimmy Carter erhielt die Auszeichnung erst 20 Jahre, nachdem er aus dem Präsidentenamt schied.

Die frühe Auszeichnung überrascht weltweit, passt aber in die Biographie eines Mannes, der nie konventionellen Erwartungen entsprach. Hätten sich die damaligen Prognosen vieler "erfahrener" Kommentatoren bewahrheitet, wäre der erste schwarze Präsident niemals im Weißen Haus angekommen. Wer den Jungsenator aus Illinois Anfang 2008 als ernsthaften Konkurrenten gegen Hillary Clinton um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten handelte, musste sich rechtfertigen. Sein republikanischer Herausforderer John McCain versuchte, den "schwarzen Kennedy" als politisches Leichtgewicht zu porträtieren.

Die Begeisterung in Europa, die Obama nach seiner Rede in Berlin entgegenschlug, werteten seine Kritiker mehr als Ausdruck der Blauäugigkeit des alten Kontinents denn als Qualitätsnachweis. Genauso wenig, wie es seinen Gegnern gelang, ein bewährtes Rezept in der amerikanischen Politik gegen ihn einzusetzen: Mit rassistischen Untertönen an die Urängste des weißen Amerika zu appellieren. Als im Wahlkampf die feurigen Predigten seines früheren Pfarrers Jeremiah Wright auftauchten, riss Obama mit einer "historischen Rede" in Philadelphia das Ruder herum. Obamas Appeal gründet auf einem Image, das er in seiner packenden Biographie "Dreams from my Father" selber kunstvoll entwickelt und das seitdem Menschen überall in der Welt fasziniert hat. Darin stellt sich Obama als amerikanischer Weltbürger vor - als Sohn einer weißen Mutter aus Kansas und eines schwarzen Vaters aus Kenia, geboren am 4. August 1961 auf Hawaii, dem multi-kulturellen Schmelztiegel mitten im Pazifik. Vater Barack Obama senior liefert ihm kein Rollenvorbild, weil er sich nach Kenia abgesetzt hat. Nach einer Zwischenstation in Indonesien, wohin Mutter Ann ihrem zweiten Ehemann Lolo Soreto gefolgt war, kehrt er nach Honolulu zurück. Er wächst in der bescheidenen Wohnung seiner weißen Großeltern auf. Dank eines Stipendiums kann "Barry", wie ihn alle nennen, zur Elite-Schule von Punahou gehen.

Rückkehr zu den Wurzeln

Auf der Suche nach seinen Wurzeln kehrt Obama als junger Mann auf das Festland zurück: Zuerst zwei Jahre nach Kalifornien ins College, dann zur Columbia Universität nach New York. Obama arbeitet drei Jahre in den Ghettos der South Side von Chicago, bevor er an der Harvard Law School promoviert. Zurück in Chicago trifft er Michelle Robinson, die aus einer armen, sehr religiösen Familie der South Side stammt. Ihre gemeinsame Kirche, die Trinity United Church of Christ, gilt keineswegs als radikal, sondern als Umfeld, in dem sich gut Kontakte zu wichtigen Leuten knüpfen lassen. Sie ziehen in die Hyde-Park-Nachbarschaft, das einzige Viertel, wo Schwarz und Weiß zusammenleben - Brutstätte für liberale Reformpolitik und Gegenpol zu dem Sumpf aus Korruption, für den Chicago berühmt ist. In diesem unkonventionellen Umfeld beginnt Obamas politischer Aufstieg: Zunächst im Senat von Illinois, dann als Senator in Washington.

Im nationalen Bewusstsein verankert sich "das dürre Kerlchen mit dem komischen Namen" mit seiner Rede beim Parteitag der Demokraten 2004. Obama verspricht als Kandidat für das Weiße Haus, die Grabenkriege zu beenden, die durch zwei polarisierende Präsidenten der Vietnamkriegs-Generation geprägt waren. Statt mit ätzender Kritik profiliert er sich als Brückenbauer. Der Cowboy-Rhetorik des Amtsinhabers setzt er seiner politische Poesie entgegen.

Obama verspricht, den amerikanischen Traum zu erneuern und die USA nachhaltig zu verändern. Sein Slogan "Yes, we can" strotzt vor Optimismus, muss sich aber in der Praxis beweisen. Was wiederum die Skeptiker auf den Plan ruft, die daran zweifeln, dass er die gewaltigen Probleme bewältigen kann. Es sei unmöglich, eine Jahrhundertreform in der Gesundheitspolitik, zwei Kriege in Afghanistan und Irak, eine Atomkrise mit Iran, Frieden im Nahen Osten und die Klimakrise gleichzeitig anzugehen.

Das Nobelpreiskomitee investiert mit dem Friedensnobelpreis in das künftige Potenzial. Es vertraut in die Fähigkeit des amerikanischen Weltbürgers und globalen Hoffnungsträgers, auch in Zukunft das Unwahrscheinliche zu schaffen.Oslo. "Barack Obama erhält den Friedensnobelpreis für seinen außergewöhnlichen Einsatz zur Stärkung der internationalen Diplomatie und der Zusammenarbeit zwischen den Völkern. Das Komitee hat besonderes Gewicht auf seine Vision und seinen Einsatz für eine Welt ohne Atomwaffen gelegt. Obama hat als Präsident ein neues Klima in der internationalen Politik geschaffen. Multilaterale Diplomatie steht wieder im Mittelpunkt, mit besonderem Gewicht auf der Rolle, die die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen spielen. Dialog und Verhandlungen sind hier die bevorzugten Mittel, um auch die schwierigsten internationalen Konflikte zu lösen.

Die Vision einer atomwaffenfreien Welt hat auf kraftvolle Weise Verhandlungen um Abrüstung und Rüstungskontrolle neu belebt. Durch Obamas Initiativen spielen die USA jetzt eine konstruktivere Rolle zur Bewältigung der enormen Klima-Herausforderungen, mit denen die Welt konfrontiert ist.

Demokratie und Menschenrechte sollen gestärkt werden. Es geschieht selten, dass eine Person wie jetzt Obama die Aufmerksamkeit der Welt derart auf sich zieht und neue Hoffnungen auf eine bessere Zukunft entfacht. Seine Diplomatie fußt auf der Vorstellung, dass diejenigen, die die Welt führen sollen, dies auf der Grundlage von Werten und Haltungen tun müssen, die von der Mehrheit der Weltbevölkerung geteilt werden.

Über 108 Jahre hat das norwegische Nobelkomitee genau die Art von internationaler Politik und von Haltungen zu stärken versucht, für die Obama jetzt zum weltweit führenden Sprecher geworden ist. Das Komitee will sich hinter Obamas Appell stellen: "Jetzt ist es an der Zeit, dass wir alle unseren Teil der Verantwortung für eine globale Antwort auf globale Herausforderungen übernehmen." dpa