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Mit Vollgas in den größten Crash der Konzerngeschichte

Mit Vollgas in den größten Crash der Konzerngeschichte

Höher, schneller, weiter – die Ära Winterkorn war bei VW eine Zeit, in der meist Sonnenschein herrschte. Dann holte ein dunkles Kapitel aus der Vergangenheit den Autoriesen ein. Bis heute wirkt die Abgas-Affäre nach.

Wenige Wochen "Dieselgate" im Herbst 2015 reichten, um heftig an der erfolgsverwöhnten Industrie-Ikone VW zu kratzen - bis heute. Ein Jahr nach dem Skandal ist aber auch klar: Der Wolfsburger Autoriese muss und will das alles zugleich als Chance zum Neubeginn nutzen - und das Erbe des Diesel-Debakels in eine Zeit der Ökoantriebe, Dienstleistungen und schlankeren Strukturen überführen.

Am 19. September 2015 sieht es noch so aus, als könne Volkswagen kein Wässerchen trüben. Tags zuvor hatten Umweltbehörden in den fernen USA zwar mitgeteilt, dass es bei Abgasmessungen von VW-Modellen nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Nur einen Tag später - am 20. September - endet die Rekordfahrt im größten Crash der rund 80-jährigen Konzerngeschichte. Die Wolfsburger müssen öffentlich "Manipulationen" an ihren Dieselmotoren einräumen. Dann geht es Schlag auf Schlag. Milliarden werden zurückgestellt, am 23. September fegt der Skandal Vorstandschef Martin Winterkorn aus dem Amt. Der Ausnahmezustand wirkt bis heute, zum Jahrestag, nach.

Die bisherige Bilanz ist katastrophal. Der einst so stolze Autobauer ist in den Grundfesten erschüttert, wichtige Zulieferer bangen, der Diesel scheint zumindest außerhalb Europas keine Zukunft zu haben. Rückrufe von Millionen Wagen bei VW , Audi , Skoda und Seat mit älteren Antrieben laufen nur schleppend an. Mit minus 1,6 Milliarden Euro steht 2015 für den größten Verlust in der VW-Geschichte. Zweistellige Milliardensummen dürfte die Krise am Ende kosten. Inzwischen ist ein Streichplan für Tausende Jobs bekannt. Die US-Kläger kreiden VW "eines der unverschämtesten Unternehmensverbrechen der Geschichte" an.

"Na klar sind die Leute traurig, die haben echt die Nase voll", fasst Betriebsratschef Bernd Osterloh die Gemütslage der Belegschaft zusammen. Seit einem Jahr nur negative Schlagzeilen - das zermürbe. Die Schuldfrage ist derweil noch ungeklärt.

Aber es gibt auch Hoffnung. "Ohne ‚Dieselgate' wäre der Konzern mit seinen alten Herren und autokratischen Prinzipien in der neuen Mobilitätswelt zugrunde gegangen. Es ist gut, dass er eine Zeitenwende einleitet", lobt Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer . In puncto Digitalisierung gebe es Pläne, und das Ziel von einem Viertel Elektroauto-Anteil 2025 sei glaubhaft. Der neue Konzernchef Matthias Müller sieht den "größten Veränderungsprozess" in der VW-Geschichte.

Im Bundestag arbeitet unterdessen ein Untersuchungsausschuss zur Affäre. In Braunschweig ermitteln Staatsanwälte gegen 30 Beschuldigte, am Landgericht liegen milliardenschwere Schadenersatzklagen. Ein Vergleich könnte VW in den USA bis zu 14,7 Milliarden Dollar kosten. Ein Ex-Ingenieur will auspacken, mehrere US-Bundesstaaten klagen noch. Und nicht nur in den USA nehmen etliche Menschen Volkswagen das Image des "sauberen Diesels" nicht mehr ab.