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Historische Versöhnung auf dem Menschenfresserberg

Historische Versöhnung auf dem Menschenfresserberg

Nicht alles läuft rund im deutsch-französischen Verhältnis. Aber das gemeinsame Erinnern an die Geschichte gelingt. Sogar vorbildlich. So legten beide Präsidenten gestern den Grundstein zu einem Weltkriegsmuseum.

Ein idyllisches Gebiet im Elsass : kleine Häuser mit Geranien, Gaststätten mit Flammkuchen und Jogger, die am Sonntagmorgen durch die Wälder laufen. Das Bild passt so gar nicht zu dem Brief, aus dem Bundespräsident Joachim Gauck zitiert: "Hier mussten die bösen Menschen zwieträchtig einander Tod und Verderben bereiten", schreibt ein Soldat 1915 zu den Kämpfen am Hartmannsweilerkopf in den Südvogesen. Als "Menschenfresserberg" gilt die 956 Meter hohe Erhebung, wo rund 30 000 deutsche und französische Soldaten im Ersten Weltkrieg in einem erbitterten Stellungskrieg starben. Gestern erinnerten Gauck und der französische Präsident François Hollande dort gemeinsam an den hundertsten Jahrestag der Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich . "Hier, in einer der schönsten Landschaften, die man sich vorstellen kann, hier, im alten Herzland Europas, hier hat Europa verraten, was seine Werte, seine Kultur, seine Zivilisation eigentlich ausmacht", sagte Gauck.

Doch er und Hollande taten alles, um zu zeigen, dass die europäischen Werte nach zwei Weltkriegen wieder gelten. Hand in Hand standen sie vor dem erhöhten goldenen Quader, wo traditionell der Toten am Hartmannsweilerkopf gedacht wird. Und Hollande erinnerte an einen anderen großen Moment der deutsch-französischen Freundschaft: Den Besuch mit Gauck im vergangenen Jahr in Oradour-sur-Glane, jenem "Märtyrerdorf" im Limousin, in dem die SS-Division "Das Reich" mehr als 600 Bewohner im Juni 1944 grausam niedermetzelte. Das Bild der beiden Präsidenten Hand in Hand in der zerstörten Kirche des Ortes brannte sich vor allem den Franzosen ein.

Doch inzwischen sind es nicht mehr die großen Gesten, die beeindrucken, sondern die kleinen Symbole. Beispielsweise das gemeinsame deutsch-französische Museum, zu dem die beiden Präsidenten gestern den Grundstein legten. Historiker aus Frankreich und Deutschland arbeiten an dem Projekt und auch an dem Geschichtslehrpfad, der über gut vier Kilometer an den Schützengräben entlangführt. Eine deutsch-französische Version der Geschichte ist auf den gut 40 Schildern zu lesen. "Die Texte sind sehr nüchtern erzählt, wie man das heute so machen muss", sagte der deutsche Historiker und Weltkriegsexperte Gerd Krum eich, der die Beschriftungen mit formulierte. Noch wichtiger ist für ihn allerdings die Plakette, die in der Krypta künftig auch an die getöteten deutschen Soldaten erinnert. "Das ist ein wunderbarer Schritt im Hinblick auf eine gemeinsame Erinnerung".

Die Krypta, unter der 12 000 Soldaten begraben liegen sollen, war auch das, was den Hamburger Schüler Patrick Pulsfort am Hartmannsweilerkopf am meisten beeindruckte. Gemeinsam mit insgesamt 100 Jugendlichen aus Deutschland und Frankreich hatte er sich in den vergangenen Tagen für das deutsch-französische Jugendwerk mit dem Ersten Weltkrieg befasst. "Das Thema ist unglaublich weit weg", bemerkte der 18-Jährige. Deshalb war die Botschaft, die die Jugendlichen den beiden Präsidenten überreichten, auch eine, die nach vorne gerichtet ist: "Angesichts aller Kriege, die die Welt heimsuchen, kämpft gegen den Hass", hieß ihr Appell.