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Tag der Pressefreiheit: Wenn es für Reporter immer gefährlicher wird

Tag der Pressefreiheit : Wenn es für Reporter immer gefährlicher wird

In Afghanistan hat die Gewalt gegen Journalisten massiv zugenommen. Vor allem Frauen sind im Visier der Taliban. Ein Report zum Tag der Pressefreiheit.

Der Anruf kam an einem kalten Novembertag. Die 28-jährige Fernseh-Reporterin Farahnaz Forotan erhielt eine klare wie ernste Botschaft vom afghanischen Komitee für die Sicherheit von Journalisten, kurz AJSC. Es gebe Hinweise darauf, dass sie auf der schwarzen Liste der Taliban stehe und das Risiko, ermordet zu werden, sehr groß sei. Forotan, eine bekannte Talkshow-Gastgeberin in ihrem Land, floh daraufhin aus Kabul nach Frankreich.

Nur wenig später, im Dezember des vergangenen Jahres, wurden im Osten von Afghanistan vier weibliche Angestellte des Nachrichtensenders Enikass Radio and TV getötet. Der 33-jährige Journalist Aliyas Dayee von Radio Liberty starb bei einem Bombenattentat auf sein Fahrzeug in der Süd-Provinz Helmand. Und die Fernseh-Moderatorin Malala Maiwand wurde auf dem Weg zur Arbeit vor ihrem Haus in Dschalalabad zusammen mit ihrem Fahrer erschossen.

Die dramatische Zunahme von Angriffen auf und gezielten Tötungen von Journalisten und Medienschaffenden in Afghanistan wirft vor dem bevorstehenden Abzug der internationalen Truppen einen dunklen Schatten auf die Zukunft des Landes. „Diese Attentate haben dazu geführt, dass die Medien sich bei ihren Inhalten bewusst einschränken und dass Journalisten und Medien sich immer mehr selbst zensieren“, klagt Najib Sharifi vom Komitee für die Sicherheit von Journalisten.

Den Angaben der Organisation zufolge sind 301 weibliche Medienschaffende im vergangenen Jahr aus ihrem Beruf ausgeschieden, weil sie um ihre Sicherheit fürchteten. Direkt von Angriffen und Drohungen waren 132 Journalisten und Medienschaffende betroffen. Nach Angaben der afghanischen Hilfsorganisation für Medienschaffende Nai wurden 2020 sieben Journalisten und vier Journalistinnen ermordet. In diesem Jahr waren es schon vier Tote.

Nicht nur in Afghanistan, weltweit werden Journalisten bedroht, verfolgt, verletzt und getötet, mahnt die Organisation Reporter ohne Grenzen anlässlich des internationalen Tages der Pressefreiheit, dem 3. Mai. Zurzeit sind demnach rund um den Globus 303 Journalisten inhaftiert, daneben 100 Blogger und Bürgerjournalisten, zwölf weitere Medienmacher. Die meisten Reporter sitzen in China in Haft, 73 sind es. Dann folgen Saudi-Arabien mit 32 und Ägypten mit 31 inhaftierten Medienschaffenden. 24 sind es im Bürgerkriegsland Myanmar, 16 in der Türkei. Zehn Tote zählen die Reporter ohne Grenzen seit Jahresbeginn. Im vergangenen Jahr seien 46 Journalisten sowie fünf Medienmitarbeiter und Blogger weltweit aufgrund ihrer Arbeit ums Leben gekommen, 400 wurden inhaftiert.

Die Pressefreiheit sei weltweit weiterhin unter Druck, die jährliche Rangliste der Organisation weist einige rote und dunkelrote Flächen aus. Schlusslicht auf der Skala der 180 gewerteten Länder ist Eritrea, nach China, Turkmenistan und Nordkorea. Rot für geringe Pressefreiheit leuchtet die Karte für weite Teile Afrikas, Asiens, der Arabischen Halbinsel und für Russland. An der Spitze der Rangliste liegen, wie seit Jahren, die Länder Nordeuropas sowie Nordamerikas – Costa Rica ist fünfter. Deutschland kommt dieses Jahr auf Platz 13. Auch für Afghanistan zeigt die Karte der Pressefreiheit rot.

Besonders gefährdet sind in dem Land am Hindukusch Journalistinnen und Frauen, die prominent im Fernsehen und Radio auftreten. Dabei geht es nicht allein um die Inhalte und Themen, über die die Reporterinnen und Moderatorinnen berichten. Mit ihrer öffentlichen Präsenz stellen sie konservative soziale Normen infrage, wonach Frauen nur innerhalb des eigenen Hauses arbeiten und leben sollten. Während der Taliban-Herrschaft war es Frauen in den 1990er Jahren nicht erlaubt, einer Arbeit außerhalb ihres Hauses nachzugehen, Mädchen waren vom Schulbesuch ausgeschlossen.

„Indem sie ihre Kritiker durch Drohungen und Gewalt zum Schweigen bringen, haben die Taliban die Hoffnung untergraben, dass eine offene Gesellschaft in Afghanistan weiter fortbestehen kann“, warnt die Asien-Expertin von Human Rights Watch, Patricia Gossman. Die Organisation beschrieb in ihrem jüngsten Bericht zur Pressefreiheit in Afghanistan, wie die Taliban direkt Einfluss auf die Berichterstattung nehmen.

Ein Reporter, der über ein Terrorattentat auf Zivilisten in der südafghanischen Stadt Kandahar berichtete, erhielt innerhalb von Minuten Warnungen und Morddrohungen. In einem Telefonanruf erklärten ihm die Taliban, sie hätten keine Zivilisten angegriffen, sondern einen Checkpoint der Polizei. Andere Reporter berichten davon, dass sie von Taliban-Kämpfern verfolgt würden. Eine Journalistin in Kabul erhielt laut Human Rights Watch einen Brief, in dem sie aufgefordert wurde, nicht mehr für Presseagenturen zu arbeiten, weil es für Frauen „unmoralisch“ sei, einen solchen Beruf auszuüben.

Fernseh-Moderatorin Farahnaz Forotan, die Afghanistan im vergangenen Jahr Richtung Frankreich verlassen musste, hatte im März 2019 eine Diskussion über die Folgen einer Machtübernahme durch die Taliban angestoßen. „Welche Freiheiten können und wollen wir nicht aufgeben?“, fragte die damals 26-Jährige in den sozialen Medien. Unter dem Hashtag „Meine rote Linie“ meldeten sich Tausende Männer und Frauen aus dem ganzen Land: „Ich will meinen Beruf und meine Hobbys nicht aufgeben.“ „Ich will weiter mit Freunden Fußball im Stadium schauen können“. Und Forotan schrieb: „Meine rote Linie ist mein Stift und die Meinungsfreiheit“.