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Ralf Rothmann neuer Roman
Mit 64 Jahren wieder auf Vatersuche

Saarbrücken. „Im Frühling sterben“ war sein bisher größter Bucherfolg – ein Kriegsroman, der in 25 Sprachen übersetzt wurde. Nun hat Ralf Rothmann eine bedrückende Fortsetzung geschrieben. Von Lothar Schröder

Mit dem letzten Roman sollte es eigentlich vorbei sein mit dem Krieg. Doch dann war da die Lesung in der Nähe von Kiel und die alte Frau, die nachher zu Ralf Rothmann kam und ihm sagte, sie habe seinen Vater sehr gut gekannt. Damals, auf dem norddeutschen Gut. Sie, ein zwölfjähriges Mädchen, er, ein stattlicher junger Mann, Melker auf dem Hof, bis auch er in den Krieg ziehen musste. Rothmann hörte die Geschichte seines Vaters aus einer Zeit, bevor seine eigene Geschichte begann. Er erlebte die Erinnerung einer alten Dame, die ihm vermutlich von ihrer ersten Liebe erzählte. So kehrte für ihn der Zweite Weltkrieg wieder zurück aufs Papier.


 Nun ist „Der Gott jenes Sommers“ erschienen. Der Roman ist aber keine Fortsetzung seines in 25 Sprachen übersetzten Bestsellers „Im Frühling sterben“; eher eine Art Fortführung der Zeit, verlängerte Erinnerung. Und die alte Frau aus Kiel spielt darin eine Hauptrolle: Das Mädchen Luisa ist ihr heimliches Porträt. Auch Luisa ist zwölf, eine große Leserin und verliebt in den Melker des Hofes, in Walter. Das wirklich Unheimliche des Buches ist die Heimlichkeit des Krieges. Überall tobt das Grauen, nur nicht auf dem norddeutschen Gut, Schauplatz des Romans. Dort ist die Verpflegung ordentlich und der Tod noch nichts Alltägliches. Das Morden ringsum bleibt vorerst nur eine Drohkulisse; die Nachrichten von der Front sind Wasserstandsmeldungen des bevorstehenden Untergangs und die nun zahlreich eintreffenden Flüchtlinge Zeugen der nahen Apokalypse. In Frohnau ist der Frieden daheim. Ganz im Norden des Berlins von heute liegt das Gartenstädtchen, ziemlich weit weg vom Lärm der Hauptstadt.

Rothmann hat sich vor ein paar Jahren aus Kreuzberg dorthin zurückgezogen. Vor allem wegen der Ruhe, die er zum Schreiben und Denken braucht. Diesmal aber war es anders, bedrohlich anders. Weil  Rothmann nach nur 40 Seiten plötzlich einen leisen Überdruss an der eigenen Sprache spürte. Im Grunde ist dies das vorzeitige Ende eines Romans. Doch der 64-Jährige hat einfach weitergeschrieben, aber in einem komplett anderen Ton, in einer anderen Sprache, mit einem anderen Rhythmus. Aus der anfänglichen Verzweiflung trat eine barocke Melodie hervor, und mit ihr der Erzähler Bredelin Merxheim.



Wahrhaftig spricht er über den Krieg. Mit dieser barocken Kunstfigur lässt Rothmann „die Sau raus“. Auf Seite 53 meldet sich Merxheim erstmals eigentümlich zu Wort: „Dass im Glücke immer auch Schuld, im Leid jedoch meistens Unschuld sei, die Erkenntnis war dem Schreiber dieser Zeilen, den die Furien des Hungers quälten, bisweilen tröstlich Brot.“ Unglaublich dieser Ton. Irrwitzig diese mehrseitigen Einschübe, wie Aufschreie und Kommentare, sechs an der Zahl. Mitten in die Weltkriegsgeschichte bricht das Barocke über den Leser herein wie eine große, düstere Urerfahrung von Krieg. Andreas Gryphius (1616-1664) kündigt das alles an mit dem Motto zu Beginn: „Ich habe diese Welt beschaut und bald gesegnet: Weil mir auf einen Tag all Angst der Welt begegnet.“

In diesen barocken Passagen wird auch der Romantitel geboren. „Mag der Gott dieses Sommers uns auch nicht hold gewesen sein, unser Bemühen war zumindest ein reines und vollkommenes“, heißt es. Aus der Erzählgegenwart des Zweiten Weltkriegs betrachtet wird dann der Gott „jenes“ Sommers. Für den realistischen Erzähler Rothmann ist das ein Wagnis. Doch er hatte, wie er sagt, keine Wahl. Weil es ihm nicht „um historische Wahrheit geht, sondern um eine magische Genauigkeit“. Merxheim war da, seine Stimme, seine Wut, seine Derbheit. So einen bugsiert man nicht wieder so leicht aus einem Roman. Es sind auch diese Stellen, die den „Gott jenes Sommers“ zum Ereignis werden lassen. Schon wie das Buch beginnt: beschrieben aus dem Cockpit eines englischen Jägers, der das Gut überfliegt. Aus dieser todbringenden „Vogel-Perspektive“ wird die kleine heile Welt da unten inventarisiert. Später wird dort ein Bomber abstürzen, ein Mitglied der Besatzung überleben und abgeführt. Was mit ihm passiert, ist eine der Schlüsselszenen.

Rothmanns erster Kriegsroman, der 2015 erschien, sollte zugleich sein letzter sein. Nicht wegen des Krieges, sondern wegen seines Vaters. Zu ihm wollte er damals wenigstens schreibend vordringen, zu dem Mann, den er liebte und der sich nach Kriegsende mit einer Mauer des Schweigens umgab. „Dieses Vakuum habe ich über Jahrzehnte mit mir herumgetragen.“ Der Vater (im neuen Roman Walter, der Melker) hat die Kriegszeit auszulöschen versucht. Vergeblich. Noch heute hat Rothmann das fast heilige Ritual seiner Familie in Erinnerung, das gemeinsame Frühstück jeden Sonntag. „Da saß mein Vater dann in seinem Turnhemd am Tisch, und ich konnte am Oberarm seine Blutgruppen-Tätowierung der Waffen-SS sehen. So saß der Krieg eigentlich immer mit am Tisch.“

 Das Buch ist darum auch eine Vater-Sohn-Geschichte und der Krieg die Vorgeschichte. Dazu gehört die Erfahrung, die Rothmann als junger Autor machte. Seinen ersten Roman, den er zu Hause „ablieferte“, nahm der Vater mit den Worten entgegen: Leg es mal auf den Nachttisch. „Gelesen hat er es nie“, so Rothmann, „während meine Mutter nur meinte: ,Wärst du damals Maurer geblieben, könntest du jetzt schon Polier sein.’“

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers. Suhrkamp, 254 S., 22 €.